17. Juni 2014

Ein kleiner Sieg irgendwo im Mittelfeld

Am vergangenen Wochenende war Deutsche Meisterschaft auf der Triathlon Mitteldistanz (1,9-90,1-21,1) bei der Challenge Kraichgau. Ich war dabei und musste im Verlauf des Rennens lernen, dass sich eine längere Verletzung, die besonders eine der 3 Disziplinen betrifft, auch bei den anderen beiden nicht einfach so wegwischen lässt. Wegen einer Achillessehnenreizung hatte ich seit Mitte Januar kein Lauftraining mehr absolviert. Einzige nicht ganz schmerzfreie Ausnahme war meine Teilnahme an der Brocken Challenge Anfang Februar. Seither hatte ich nur noch Schwimmen und Radfahren können, beide Disziplinen auch nicht immer 100% schmerzfrei und auch nur mit einer gewissen Vorsicht, da ich die Heilung für das Training nicht zu sehr beeinträchtigen wollte. Trotzdem wähnte ich mich für diese beiden Disziplinen vor dem Rennen im Land der 1000 Hügel in guter Verfassung, Frage war nur: welche Strategie würde ich wählen? Volles Tempo auf den ersten beiden Disziplinen und dann aussteigen - wandern? Oder doch der Versuch eines halbwegs normalen Wettkampfs und beim Laufen durchbeissen so gut es geht? Ich entschied mich am Vorabend für letztere Variante. Am Morgen vor dem Rennen war ich innerlich unruhig: meine Form konnte ich nur ungefähr einschätzen und ein gewisses Risiko war ja schon dabei dieses Rennen überhaupt zu machen, schliesslich hatte ich zuletzt nicht mal mehr ein lockeres Lauftraining gewagt, um endlich gesund zu werden. Ich versuchte die Ruhe zu bewahren und liess mich dann auch am See vor dem Rennen von nichts aus der Fassung bringen. Der Start würde in Wellen in Abstand von einigen Minuten erfolgen, um das Feld etwas zu entzerren. Ich wurde nach Kriterien, die mir nicht bekannt waren, in die vorletzte Gruppe einsortiert. 

Nach der Starts der Profis und der ersten Altersklassenalthleten ging es dann auch für unsere Gruppe ins Wasser – nur noch weniger Minuten bis zum Start. Aus dem Boxen dröhnte „Eye of the tiger“ – für mich die Sporthymne schlechthin – genau das Richtige, um mich nochmal in die richtige Angriffsstimmung zu bringen. Die Morgensonne schien auf uns herab und der See war warm, eines Neoprenkälteschutzanzugs hätte es meines Erachtens bei dieser Temperatur nicht bedurft. Nach kurzem Einschwimmen pochte ein Pulsschlag aus dem Boxen am Ufer, dann der Anfang von „Hells Bells“ und der traditionell ohrenbetäubende Startschuss. Für die aussenstehenden Zuschauer begannt das Wasser nun vermutlich optisch an zu brodeln – so ein Schwimmstart ist nie so ganz ohne, man muss ständig auf der Hut sein und immer mit dem ein oder anderen Schlag rechnen. Auch dieses Jahr blieb ich nicht ganz verschont, doch lief es im Vergleich zu den Vorjahren weitgehend glimpflich ab. Vielleicht lag das daran, dass ich nicht immer die Ideallinie wählte, sondern mich eher am Rande des Felds aufhielt. Dafür schlug ich dort aber ein für mich recht forsches Tempo an. Weiterer Nachteil dieses Weges war, dass ich nur selten den Wasserschatten eines Vordermanns nutzen konnte, doch letztendlich wollte ich ja mich testen und nicht gewinnen. Wie im Schwimmtraining merkte ich heute meinen verletzten Fuss, doch zum Glück schmerzte er nicht zu sehr. Im Wettkampftrubel war der Schmerz auch schnell verdrängt. Nach 32:05 Minuten entstieg ich dem lauwarmen Wasser des Badesees. Die ersten Schritte das Ufer hinauf waren furchtbar – meine Sehne erschien mir auf den ersten Schritten schwach und der Körper unter meinem Gewicht wegzusacken. Ich konnte mich fangen, griff meinen Wechselbeutel und setze mich erstmal auf eine Bank, um aus den Schwimmsachen und die Radsachen zu wechseln. Denn griff ich in weniger Hektik als sonst mein Rad und machte mich auf zur 2. Disziplin – die Schritte in den Radschuhen heraus aus der Wechselzone liefen schon deutlich besser als zuvor. 

Auf dem ersten Kilometer versuchte ich langsam in meinem Rhythmus zu finden. Ich war mir nicht sicher, wie ich die 90,1 km im Wettkampftempo schaffen würde, war ich doch wegen der Verletzung zuletzt keine ganz so langen Trainingsrunden mehr gefahren. Der Wind war heute Morgen nicht ohne und es wurde wärmer - das würde so oder so eine harte Tour werden! Noch einmal überlegte ich kurz, ob ich nicht doch härter auf Anschlag fahren sollte. Doch mit der Vorstellung womöglich erst ein hartes Radfahren und danach ganz sicher nochmal einen sehr harten Halbmarathon zu haben, konnte ich mich nicht anfreunden, das Risiko auch in Hinblick auf einer Verschlimmerung meiner Verletzung schien mir zu gross. So spulte ich meine Kilometer in normalem Tempo ab und liess mich auch nicht von überholenden Radfahrern zu einem schnellerem Tempo verleiten. „Normales Tempo“ ist relativ – manch einer wäre froh, wenn er so eine schwere Strecke mit einem Schnitt von über 30 km/h fahren könnte. Ich war zufrieden und genehmigte mir nebenbei auch immer wieder mal einen Blick in die Landschaft. Zwar war die Strecke für mich nicht neu, doch irgendwie erschien es mir heute Morgen besonders schön über die Kraichgau-Hügel zu fliegen. Am Rand der Strecke immer wieder kleine Kunstwerke aus Heuballen oder Schilder zu Anfeuerung. Nun bin ich sicher kein grosser Abfahrer, doch habe ich mich in letzter Zeit um einiges verbessert. Leider bekam ich jetzt einen Nachteil meiner hinteren Startgruppe zu spüren – auf den schnelleren Abfahrten wurde ich mehrfach von vorsichtigeren Abfahren ausgebremst. Vielleicht hätte ich mit etwas mehr Risiko auch an ihnen vorbrettern können, doch nur zu gut weiss ich wie ich selbst dieses riskante Abfahren anderer Athleten hasse, so blieb ich meist hinter ihnen zurück und nahm den Zeitverlust in Kauf. Mitunter waren die Bremsmanöver für mich aber auch nicht ganz einfach – vermutlich muss ich noch etwas daran arbeiten einen guten Mittelweg finden, um solche langsameren Abfahrer doch auch mal zu überholen. Während ich in der ersten Hälfte der grossen Radrunde wie viele mit den Anstiegen zu kämpfen hatte, lief es im zweiten Teil deutlich besser. Die Anstiege hinter Menzingen und den Schindelberg flog ich im Vergleich zu meinem Mitstreitern förmlich hinauf, wobei sich das im Resultat der Bergwertung leider nicht wiederspiegelt. Ich kann mir das nur so erklären, dass zu dieser Ziel viele der schnelleren Radfahrer schon vor mir gewesen sein müssen. Auf dem letzten flachen Stück nach Östringen versuchte ich mich nochmal zu verpflegen – aus Gewohnheit weiss ich, dass auf der Laufstrecke damit mir immer etwas schwer tue. Nach 2:59:37 Stunden erreichte ich die 2. Wechselzone in Bad Schönborn.

Zielbereich einen Tag vor dem Start
Somit war die Pflicht geschafft, nun folgte der unsicherer Teil .. über ein halbes Jahr kein Lauftraining mehr und jetzt aus dem Stand ein Halbmarathon! Aber ich wollte es zumindest versuchen – einfach nur laufen, laufen und immer weiter laufen. Denn wenn ich erstmal unterwegs anfangen würde zu gehen, dann würde es schwer werden .. verdammt schwer. Zuerst musste aber mein Fuss mitspielen. Würde er das nach der kleinen Schrecksekunde heute Morgen nach dem Schwimmen? Die ersten Schritte in den Laufschuhen waren ungewohnt und unsicher. Ich versuchte halbwegs sauber zu laufen. Zu Beginn geht es erstmal leicht den Hügel runter, das kam mir entgegen, weil ich mich nicht zusätzlich anstrengen mssute und erstmal auf den Laufstil konzentrieren konnte. Der Fuss hielt. Nach dem ersten Kilometer geht es dann im Kurpark ein paar Höhenmeter hinauf. Wie tat ich mir hier schwer – und das ich als Bergläufer! Doch wo ein Berg ist, da geht es auch wieder irgendwo bergab und ich konnte mich zumindest kurzzeitig wieder fangen. So zogen sich die ersten Kilometer wie Kaugummi. Leider ist die Laufstrecke selten flach und gerade und so musste ich lernen mit den ständigen Tempo-, Profil- und Richtungswechseln zurecht zu kommen. Die Kilometerschilder am Rande waren zu Beginn recht demoralisierend, standen doch auch die Kilometerangaben für die jeweilige Stelle in den folgenden beiden Runden darauf. Diese Kilometerzahlen waren für mich gerade unvorstellbar. Doch mit der Zeit lernte ich die Schilder anders zu lesen. Irgendwann interessierten mich die anderen Zahlen nicht mehr und für mich zählte nur noch die gerade relevante Zahl – ich war also ohne Lauftraining 5 Kilometer gelaufen .. 6 Kilometer .. 9 Kilometer am Stück! .. 11! .. 15 Kilometer gelaufen ohne grosse Gehpause! .. die Zahlen wuchsen und ich näherte mich meinem Ziel. Ich war sooo dankbar für jeden gelaufenen KIlomter! Langsam wurden die Beine aber auch steifer und meine Bewegungen unrunder, doch ich versuchte den Motor am laufen zu halten. Wenn ich jetzt anfangen würde zu gehen, dann würden die letzten Kilometer unendlich lang werden. Meine Sehne spielte immer noch mit – wenn sie mitspielte, dann konnte ich jetzt nicht nachlassen. Die Laufzeit würde nicht gut werden, aber ich könnte beim Halbmarathon unter 2 Stunden bleiben und wäre ohne Training ausser an den Verpflegungen durchgehend gelaufen! Ich unterhielt mich unterwegs mit anderen Athleten, scherzte und lenkte mich ab. Ich überlegte mir sogar gegen Ende etwas zu beschleunigen und ab wo ich das wagen könnte. Dann kam das letzte Kilometerschild. So ganz konnte ich dem Schild nichg glauben – dieser letzte Kilometer müsste nach meiner Schätzung wesentlich länger als 1000m sein! Aber sei es drum – was zählte war, dass ich das fast für unmöglich geglaubte geschafft hatte und ankommen würde – laufender Weise! Kein Humpeln, keine Schmerzen in der Sehne, nur ein bisschen steife Beine. Dann der Zieleinlauf im Stadionrund. Ich versuchte die Hände der Leute an der Balustrade abzuklatschen, doch offenbar waren die Zuschauer hier heute nicht darauf eingestellt. Dann nach einem Halbmarathon in 1:57:41 Stunden der finale Schritt durch das Zieltor. Mit einer Gesamtzeit von 5:35:45 Stunden konnte ich dem Gründer der Veranstaltung die Hand schütteln und nahm die Medaille entgegen – ich war nicht wirklich fertig, aber so dankbar hier heute angekommen zu sein. Und richtig stolz auf diese Medaille, selbst wenn ich schon deutlich schneller unterwegs war. 

Etwas später beim Blick auf die nackten Zahlen meines Ergebnisses empfand ich kurz doch etwas Enttäuschung darüber, dass ich auf dem Rad und beim Schwimmen nicht noch besser gewesen war. Doch wenn man die Vorbereitung betrachtet und sieht, dass ich eben nicht voll trainieren konnte, leichte Schmerzen beim Schwimmen hatte und auch auf dem Rad vorsichtig agieren musste, dann geht das Ergebnis eigentlich voll in Ordnung. Von dem Lauf muss man nicht sprechen: das geht gesund natürlich wesentlich schneller, aber ohne Vorbereitung und immer noch angeschlagen, war das ein Hammerlauf! Von der Platzierung gesamt bin ich im Mittelfeld gelandet (869. von 1569 Männern/ 131 in M40/ 759. in der Wertung der Deutschen Meisterschaft) - was soll man sich bei solchen Rahmenbedingungen da noch beschweren? Die Organisation des Rennens war trotz einiger Wechsel im Orgateam wiedermal auf hohem Niveau. Warum der Busshuttle mich und einige andere nicht zurück an den See bringen wollte, habe ich nicht näher hinterfragt und das einfach als Auflockerung der Beine angesehen, deshalb will ich das nicht weiter kommentieren. Und ich hoffe mal, dass ich nächstes Mal wieder etwas weiter vorne starten kann und dann nicht mehr so häufig unterwegs ausgebremst werde. Der Kraichgau hat sich an diesem Tage auf jeden Fall von einer seiner schönsten Seiten gezeigt. Und der Sehne .. der geht es 2 Tage nach dem Rennen sehr gut. So wie es aussieht, kann ich bald wieder vernünftig laufen, doch jetzt bloss nichts überstürzen!

29. Mai 2014

Erdbeer & Ananas Smootie

Erdbeer-Ananas-Smootie
Ananas soll entzüngshemmend sein. Was liegt näher als sich mit der aktuellen Verletzung mal einen neuen passenden Smootie zu mixen?

Zusätzlich zur Ananas habe ich passend zur aktuellen Saison frische Erdbeeren genommen. Wenn ich vorher nicht so viele der leckeren Beeren weggeputzt hätte, hätte der Drink sicher noch ein tieferes Rot bekommen. Lecker war er trotzdem.

Zutaten:
  • 200 g Erdbeeren 
  • 1/2 Ananas 
  • 200 ml Eiswasser
  • 1/2 Zitronensaft

Auf dem Foto ist natürlich nur eine Untermenge der oben angegebenen Mengenangaben. Die Früchte vorher alle gut waschen!

22. Mai 2014

Eisenmann zwischen Pathos, Glauben und Erleben

Drüben über dem grossen Teich, haben sie das Spiel mit dem Pathos gut drauf. Für uns Europäer mag das manchmal etwas übertrieben wirken, doch letztendlich werden damit Emotionen angesprochen. Emotionen, die man als unbeteiligter Betrachter nicht empfinden muss. Doch wenn man zumindest einmal hier emotional betroffen war, dann können diese Gefühle schnell wieder hervorgeholt werden. Inzwischen habe ich 13 Triathlon Langdistanzen gefinisht. Der erste "Ironman"-Langdistanz-Triathlon fand 1978 auf Hawaii statt. Inzwischen finden auf der ganzen Welt vergleichbare Wettkämpfe unter dem kommerziellen Ironman-Label wie auch unter anderen Namen und Serien statt. Unter dem Label Ironman laufen inzwischen auch noch kürzere Distanzen. Ich selbst kümmere mich wenig um ein Label - mein Lieblingsrennen ist bekanntlich das zur (ebenfalls privaten) "Challenge"-Serie gehörende in Roth bei Nürnberg. Unter dem "Ironman"-Label bin ich bis dato bei den folgenden Rennen unterwegs gewesen: Frankfurt, Klagenfurt (Österreich), Zürich (Schweiz), Lanzarote (Spanien), Cozumel (Mexiko), Sherborne Castle (Grossbritannien) und Antwerpen (Belgien). Egal ob "Ironman" oder ein anderer Triathlon, ob Langdistanz oder kürzer: die Kombination der 3 Volkssportarten Schwimmen, Radfahren und Laufen in einem Rennen hat schon etwas Besonderes. Und JEDER, der sich überwindet, dieser Aufgabe stellt, kann sich im Ziel als ein Sieger fühlen. Vielleicht ist es das, was mich seit nunmehr 12 Jahren immer noch an diesen Sport bindet, mich weiterhin gerne bei solchen Rennen starten lässt. Jedes Mal frage ich mich vorher auf's Neue, ob ich das Rennen nochmal ordentlich schaffen kann. Oft stelle ich dann fest, man muss nur fest dran glauben, denn "anything is possible!"

11. April 2014

Bundesliga oder Laufen gehen?

Hier ein wie ich finde treffendes Zitat zum Thema Laufen von Joe, einem befreundeten Ultraläufer:

"Warum ich laufe? dazu Zitat aus meinem Bericht über die 235 km durch Kambotscha: Warum? Weil ich es kann. Ein Tag vor der Glotze bei Tatort und Bundesliga ist morgen schon aus deiner Lebenslinie getilgt, vergessen. 24 Stunden deines Lebens sind vernichtet. Deine Enkel werden dich nie fragen, wer der Mörder bei welchem Tatort war, wer das Supertalent 2012 war, oder wer das Tor gegen Werder geschossen hat. Aus, weg, vorbei. Du vernichtest dein eigenes Leben auf dem Sofa, oder beim Sonntagsbrunch mit deinen Schwiegereltern, bist Mörder deiner eigenen Dreamline, weil dir dein Fettarsch lieber ist als die Eroberung einer Zeitlinie."
(siehe http://www.trailrunning.de/laufberichte/the-ancient-khmer-path/the-ancient-khmer-path/1934/1)
Das kann man natürlich auch auf jede andere Sportart übertragen. Also raus mit Euch - bewegt Euch!!!

2. April 2014

How To Be An Ultra Runner

Das Video heute ist für Britta und alle anderen, die mal Ultraläufer werden wollen.

17. Februar 2014

Überwindung am Brocken

Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, befreit der Mensch sich, der sich überwindet. 
(J. W. v. Goethe) 

Seit Mitte Dezember mache ich nun schon mit einer Entzündung im Sprunggelenk herum. Seither habe ich sämtliche Rennen verworfen oder abgesagt und mich anstatt dessen primär mit Radfahren und Schwimmen fit gehalten. Aber natürlich kann keine dieser Sportarten vollständig den Bewegungsablauf und Trainingseffekt eines schönen längeren Laufs ersetzen. Als erstes Saisonhighlight für dieses Jahr 2014 rückte derweil der Wohltätigkeitsultramarathon von Göttingen auf den Gipfel des Brocken – die Brocken Challenge – immer näher, ohne dass es mit dem Sprunggelenk signifikant besser wurde. 2 Wochen vor der Challenge sagte ich deshalb sogar noch den Traditionslauf im Rodgau ab. Fast täglich wechselte mein Gefühl im Fuss von „kaum mehr Schmerzen“ bis „ziemlich übel“. Nun habe ich inzwischen schon eine recht lange Ausdauersport- und Ultralauferfahrung. Dabei entwickelt man zwangsläufig ein Gefühl für den eigenen Körper und lernt einzuschätzen, was möglich ist und was nicht. Rein nüchtern betrachtet hätte ich jedem Neuling, mit einer solchen körperlichen- und Trainingssituation geraten bei der Challenge nicht zu starten. Doch mein Gefühl und meine Erfahrung sagten mir, dass es klappen könnte. Mit den Alternativsportarten hatte ich mich halbwegs fit gehalten und zumindest bei kürzeren Testläufen merkte ich nichts vom Fuss. Mein Leitmotiv ist „Distanz ist das, was der Kopf daraus macht“. Und mein Kopf sagte mir, dass ich es schaffen würde. Mein Gefühl ebenso. Zumindest versuchen würde ich es – sollte es Probleme geben, würde ich nicht den Helden spielen und einfach an einer Verpflegung aussteigen, dann hätte ich es aber zumindest versucht. Bliebe noch der Faktor Wetter, der gerade in so angeschlagenem Zustand, eine nicht uninteressante Rolle spielt. Hier kam mir der milde Winter deutlich entgegen, da wir über einen Grossteil der 80 Kilometer meist gute Bodenverhältnisse hatten und es bis auf den Schneefall am Brocken auch recht trocken blieb. Mit Wind komme ich ja bekanntlich recht gut zurecht. Etwas Demut gegenüber der Strecke war also angebracht, Training wird meist überbewertet. 

Sonnenaufgang am Seeburger See
Der Brocken Challenge hat sich in den letzten Jahren zu einem Kultlauf entwickelt. Es gibt viele Wiederholungstäter. Irgendwas musste dieser Lauf also haben, was ihn besonders macht. Und die Vorbesprechung im Vorlesungssaal des Sportinstituts in Göttingen war schon recht ungewöhnlich. Zu Beginn wurden Bilder der letzten Austragungen gezeigt, untermalt von Gitarrenklängen und einem live im Saal gespielten Didgeridoo. Nach den einleitenden Worten wurde die einzelnen Helfer an den Stationen vorgestellt. Das aheb ich auch noch nicht erlebt, aber eine nette Geste wie ich finde. Und so viel kann ich schon vorweg nehmen, dass die Helfer am Renntag einen super Job gemacht haben! Selten habe ich so viel freundliche, hilfsbereite Helfer erlebt, die uns Läufer an so reichhaltig ausgestatteten Stationen empfangen haben – und das im kalten Februar! Dann wurde noch die Strecke mit ihren Tücken vorgestellt, ein paar organisatorische Fragen geklärt und zum Abschluss gab es noch eine kleine Verlosung von gestifteten Startplätzen für andere Veranstaltungen und Ausrüstung, die andere Veranstalter und Sponsoren zur Verfügung gestellt hatten. Zur Unterbringung hatte ich mich wie die meisten Teilnehmer in einem der vom Orgateam gebuchten Herbergen nach dem Start einquartiert. So blieb noch Zeit für einem netten Plausch beim gemütlichen Abendessen mit alten und neuen Bekannten. Um 5 Uhr morgens gab es nach einer kurzen Nacht dann unweit von meiner Herberge Frühstück im „Alten Tanzsaal“ direkt am Start. 

Erste Ausläufer des Harz
6 Uhr war Start: „lasst uns den Brocken rocken!“ Die Strecke war auf dem ersten Teil mit kleinen Fackeln markiert – ein Verlaufen war so fast unmöglich. Mit Ausnahme von einigen mehr oder minder grossen Hügeln ging es auf den ersten Kilometern verhältnismässig flach dahin – die meisten Höhenmeter warteten erst im hinteren Teil auf uns. Bei mir lief es relativ gut: den Fuss merkte ich kaum, nur der Trainingsrückstand machte sich bemerkbar .. oder war es die frühe Startzeit 6 Uhr morgens? Normalerweise bin ich ja eher ein Abendläufer. Schon bei der ersten Verpflegung (noch im Dunkeln) wurde klar, warum dieser Lauf bzgl. seiner Orga einen so guten Ruf geniesst – hier blieben kaum Wünsche offen. Die Krönung war ein leckerer Käsekuchen, den ich jedoch als grosser Käsekuchenfan nach dem ebenfalls leckeren Frühstück nun einfach nicht mehr essen konnte. So setzte ich meinen Weg nach einer kurzen Trinkpause flott fort. Unterwegs blieb immer mal wieder etwas Zeit für ein kurzes Gespräch mit den jeweiligen Begleitern. Viel los war zu so früher Stunde noch nicht. Über die Ortschaften Mackenrode, Landolfshausen und die Seulinger Warte kamen wir zum Seeburger See. Inzwischen dämmerte es und es bot sich uns ein farbenprächtiger Sonnenaufgang am noch recht klaren Morgenhimmel. So langsam wurde das Harzvorland hinter dem See auch etwas hügeliger. Über den Hellberg mit der Tilly-Eiche und die Rhumequelle kamen wir zur Marathonmarke nach Barbis. Bis hierhin lief noch alles bestens. Ich hatte mein Tempo gefunden und versuchte effiziert zu laufen – also ohne unnötige und zu frühe Anstrengung. Wenn es doch mal mühsam wurde, versuchte ich positiv zu denken. Mir war klar, dass primär der Kopf darüber entscheiden würde, ob ich heute ankommen würde oder nicht. Jetzt hinter Barbis kam der berühmtberüchtigte „Entsafter“: ein langer Anstieg durch das Steinaer Tal in den Harz. In derBesprechungen hatten sie uns noch gewarnt: „Das ist nicht einfach ein Halbmarathon, statistisch betrachtet brauchen die meisten Challenger hierfür drei bis dreieineinhalb Stunden.“
Auf dem "Entsafter"
Irgendwie hatte ich erst später mit dem Abschnitt gerechnet, so wurde mir erst weiter oben klar, dass wir nun auf diesem entscheidenden Abschnitt waren. Wie von den Veranstalter vorhergesagt, wurde es hier mit den Getränken knapp. Bei Aufstieg musste man häufiger trinken und wegen der schlechten Erreichbarkeit gab es hier nur eine kleinere Verpflegung. Doch bei den heutigen recht guten Bodenverhältnissen war der "Entsafter" gut machbar. So langsam tauchten auch die ersten grösseren Schneefelder am Streckenrand auf. Oben, hinter der Verpflegung am Jagdkopf, war auf den schneebedeckten Wegen dann Trittsicherheit gefragt; die ersten legten dort ihre Schneeketten an. Es boten sich zwischendurch ein paar schöne Ausblicke in den Harz, auf den Oderstausee und sogar in Richtung des Brocken. Im Naturpark gab es leider keine Wegmarkierungen der Challenge mehr, da diese von der Naturparkbehörde nicht genehmigt worden waren. So orientierten wir uns an den normalen Wegmarkierungen oder manch einem an den GPS-Tracks.
Blick auf Harz mit dem Oderstausee
Vor Oderbrück war ein Abzweig, auf den wir vorher besonders aufmerksam gemacht wurden. Ich war zu diesem Zeitpunkt alleine und glaubte ihn richtig zu nehmen, war in Folge dann aber doch unsicher, da die Wege und Schilder nicht eindeutig waren und ausserdem weder vor noch hinter mir irgendwelche Läufer zu sehen waren. Spuren gab es viele in viele Richtungen und es waren auch keine Spaziergänger in der Nähe, die man hätte fragen können. Ich traf nach einiger Zeit auf ein paar Häuser und hoffte, dass es Oderbrück sein würde. Aus einem Gebüsch an der Seite kam ein Läufer und fragte mich nach dem Weg – offenbar hatte auch er die Orientierung verloren. Zum Glück konnte ich ca. 200 entfernt ein Schild sehen, dass auf die nächste Verpflegung hinwies – wir waren also richtig. Hinter der Station begann der letzten Anstieg hoch zum Brockengipfel nun waren es „nur“ noch knapp 8 km mit rund 350 Höhenmetern. Hier machte der Naturpark seinem Namen alle Ehre. Fast urwaldartig lag die Natur rechts und links des Weges. Teils waren Sturmschäden zu erkennen. Auf dem Weg hier traf man nun häufiger auf Wanderer. Weiter oben kamen wir dann an die Trasse der Brockenbahn – eine alte Schmalspurbahn mit Dampflok, die hier regelmässig fährt. Leider sollte ich die Bahn nur zu hören, aber nicht zu sehen bekommen.
Schneetreiben beim Aufstieg
Inzwischen hatte es nämlich angefangen zu schneien und der Nebel wurde nach oben immer dichter – das Wetter am Brocken ist fast schon legendär. In Wikipedia steht: „Der Brocken ist ein Ort extremer Wetterbedingungen. Aufgrund der exponierten Lage im Norden Deutschlands liegt sein Gipfel oberhalb der natürlichen Waldgrenze. Das Klima auf dem Brocken entspricht aufgrund des kurzen Sommers und sehr langen Winters, der vielen Monate mit geschlossener Schneedecke, der schweren Stürme und niedrigen Temperaturen selbst im Sommer einer alpinen Lage in 1.600–2.200 m Höhe beziehungsweise dem Klima Islands.“ Es wurde wirklich mühsam. Ein Wanderer fragte mich „wie fühlst Du Dich?“ Ich war glücklich, dass ich es bis hier hin geschafft hatte, dass mein Fuss nicht geschmerzt hatte und antwortete, dass ich einfach nur froh war hier zu sein. Nie hatte ich daran gezweifelt, aber in Anbetracht der Vorbereitung war es echt verrückt! Ein wenig musste ich auch über mich Schmunzeln – während des Rennens merkte ich mehrfach wie sehr das letzte Jahr und insbesondere der Ultratrail du Mont Blanc mich geprägt hatten. Mit einer nie vorher da gewesenen Sicherheit war ich heute unterwegs und wusste immer, dass ich auch dieses Rennen zu einem erfolgreichen Abschluss bringen könnte. Das war keine Überheblichkeit, sondern ein tiefes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Auch das eine Form von „Glück“, die ich hier empfand. Als ich auf den letzten Metern hoch zur Station war, wurde das Wetter immer ungemütlicher: der kalte Wind bliess mir in starken Böen den Schnee direkt ins Gesicht. Am Ziel konnte ich wegen der Schneeböen keine 15 Meter mehr weit sehen, ein paar Gestalten bewegten sich hier oben herum, aber ich konnte beim besten Willen nicht mehr erkennen, ob das Läufer oder Wanderer waren; so lief ich lief dem Applaus und den Rufen von einigen entgegen. Dann das Finish, Gratulationen. Ich bat zu guter Letzt um ein Zielfoto, das aber nur schlecht gelang, da sich gleich Schnee auf das Objektiv der Kamera geblasen wurde. Eine Helferin führte mich nach drinnen. Als ich den Saal betrat, applaudierten mir alle Anwesenden (wie übrigens auch allen, die später noch kommen sollten). Was für eine tolle Geste – das ist Ultramarathon: hier zählt weniger die Platzierung als das Ankommen und das gemeinsame Erlebnis! Eine warme Dusche und ein leckeres Essen mit ein paar schönen Unterhaltungen warteten auch mich, dann ging es gen Abend wieder zurück gen Göppingen.
Gipfelturm

Der Brocken Challenge war für mich wirklich eine Herausforderung: aufgrund der Verletzung und der damit einhergehenden suboptimalen Vorbereitung, war das ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Doch meine Erfahrung und mein Gefühl gaben mir recht und es klappte besser, als ich vorher erwartet hatte. Gegen Ende wanderte ich bergauf mehr als dass ich noch lief, aber das war in Anbetracht der Umstände so in Ordnung. Die Challenge ist auf jeden Fall eine tolle Veranstaltung. Fast schade, dass hier aufgrund der Durchquerung des Naturparks nicht mehr Läufer zugelassen werden können. Auf der anderen Seite bewahrt diese Kontingentierung aber vielleicht den familiären Charakter und die Freundlichkeit der Veranstaltung. Sicher gibt es schönere, spektakulärere Ultramarathons. Doch bei so viel Gastfreundlichkeit und Charme kommt man als Läufer gerne hierhin wieder zurück. Zumal man hier mit dem Laufen bzw. dem Startgeld auch etwas für einen guten Zweck tun kann.

27. Oktober 2013

"Das Grauen hat einen Namen: Himmelsleiter"

So der Kommentar eines befreundeten Läufers nach dem heutigen Trailmarathon in Heidelberg. Der erste Marathon in meiner Heimatstadt .. und dann auch noch mit Trails .. da durfte ich natürlich nicht fehlen.

Die Wettervorhersagen waren furchteinflössend. Doch nach einem nächtlichen Gewitter meinte es Petrus gut mit uns: fast optimales Laufwetter - ein bisschen Schnee gab es auch, doch dazu gleich mehr.
Die ersten Kilometer durch die Heidelberger Altstadt bis zur Alten Brücke legte ich eine flotte Sohle hin, da ich auf der engen Rampe in der Hirschgasse nicht im Stau stehen wollte. Das klappte sehr gut. Danach nahm ich etwas die Intensität heraus, weil mir klar war, dass ich meine Körner noch für die weiteren Berge brauchen würde. Es lief daraufhin erst mal recht gut .. so gut man das bergauf einschätzen kann. Auf dem ersten Bergabtrail am Heiligenberg liess ich es dann kurz flotter laufen und liess prompt einige Läufer mit erstaunten Blicken hinter mir. Etwas weiter am hohen Nistler gab es gleich die Bestätigung von einem anderen Athleten, dass bei mir bergab ja kaum ein Hinterherkommen möglich wäre und es dann sehr mühsam wäre, sich bergauf wieder heran zu arbeiten. Schönes Kompliment, doch bei dem nächsten Aufstieg wurde mir schnell klar, dass meine Reserven heute für kein herausragendes Ergebnis mehr reichen würden - ich mutmasste, dass es nach der Neckarüberquerung am letzten Berg in Schlierbach für mich sehr schwer werden würde. Kurz nach dem Weissen Stein gab es eine kurze Schrecksekunde: nach einer Unachtsamkeit gab es den inzwischen fast schon obligatorischen Sturz. Doch gekonnt mit einer Rolle vorwärts abgefangen, ist nichts passiert. Die nächsten Kilometer spulte ich in Ruhe in meinem Tempo runter und liess mich auch nicht von Unebenheiten oder überholenden Läufern - vermutlich zum Grossteil Staffeln - verrückt machen. Dann kam die Brücke. Wie vorhergesagt wurde es in der nun folgenden Steigung hart - zwischenzeitlich war es mehr Speedhiking als Laufen. Etwas deprimierend, wenn ich an die letzten Trainingseinheiten hier denke, wo alles noch gut lief. Vielleicht hatte ich vorher etwas zu wenig Elektrolyte getrunken, doch leider gab es auf dem Weg bis zum Königstuhl nur eine Station mit Wasser. Der Weg zog sich. Plötzlich hörte ich hinter mir nur ein "oh weh". Ich fragte war los war, doch dann sah ich den Grund: vor uns kam die Himmelsleiter. Mir ging es inzwischen immer schlechter und jetzt wurde mir auch noch übel. Zweimal musste ich an der Seite anhalten und mich kurz sammeln. Irgendwann hat alles ein Ende und nach einer gefühlten Ewigkeit kam ich oben an der Aussichtplattform an. Hier hatte man doch tatsächlich Schnee hingekippt! Zwar konnte man darauf nur schlecht laufen, doch ich fand es witzig. Jetzt ging es sowieso nur noch um den Spass und das Ankommen. Jetzt bekam ich endlich mein Iso und eine Cola genehmigte ich mir auch. Sofort ging es mir wieder besser und das war gut so, denn nun musste ich mich konzentrieren. Auf diesen  folgenden Abschnitt hinunter nach Heidelberg hatte ich mich die ganze Zeit gefreut. Was nun folgte war ein Downhillgeschwindigkeitsrausch sondergleichen - in den technischen Trails konnte ich endlich meine ganze Erfahrung ausspielen. Ich kann mich nicht erinnern, dass in den technischen Abschnitten jemand an mir vorbeizog - vielleicht ein oder zwei frische Staffelläufer, aber das war es dann auch.  Auf einem kleinen Zwischenanstieg hatte ich zwar nochmal leichte Schwierigkeiten, aber dann ging es wieder in Highspeed über Molkenkur und Schloss hinunter in die Altstadt. Am Schloss wurde es richtig böig und ich fand mich kurzerhand in einer Wolke aufgewehter Blätter wieder. In der Hauptstrasse genoss ich die letzten Meter dann nur noch und liess es bis ins Ziel ausrollen. 

Am Ende kam mit einer Zeit von 4:15 Std. ein 118. Platz von 660 Männern (25. von 112 in meiner Altersklasse) heraus. Eigentlich wollte mehr erreichen. Doch heute war nach der langen Saison einfach nicht mehr drin und das ist ok so - ich hatte auf jeden Fall viel Spass. Und auf jeden Fall war es ein herrlicher Saisonabschluss. Dank allen, die uns unterwegs angefeuert haben! Danke auch an das ganze Orgateam - es gibt noch Verbesserungspotential, aber das war eine super Premiere - Fortsetzung erwünscht!