17. Oktober 2011

Herbstlauf an der Bergstrasse

Ein goldenes Oktoberwochenende liegt hinter uns - was war das wieder für ein Traumwetter! Heute hat's mich wie so viele rausgetrieben. Nachdem ich diese Woche nach einer zweiwöchigen, regenerativen Auszeit wieder mit dem Laufen angefangen habe, hat es mich irgendwie gereizt mal wieder einen kleinen Volkslauf zu machen. Ein bisschen neugierig war ich, was ich ohne Bahntraining und mit all den langen Distanzen der letzten Zeit wohl noch auf der Strasse laufen konnte. Ein kurzer Blick in den Laufkalender und der richtige Lauf war gefunden: den Volksbanklauf in Wiesloch hatte ich bisher noch nicht gemacht - ein Grund mehr ihn mal auszuprobieren und kennenzulernen. Was ich nicht ahnte: nicht der Lauf war die grosse Herausforderung, sondern die kurzfristige Nachmeldung. Um 7 Uhr klingelte der Wecker. Nach dem Morgenprozedere war ich bald auf dem Weg nach Wiesloch. Nachmeldung war laut Ausschreibung in der Volksbank-Hauptstelle in Wiesloch möglich, für den Bambinilauf gab es auch eine Nachmeldung nahe dem Ziel im Nachbarort Nußloch. Rechtzeitig in Wiesloch angekommen, fand ich schnell einen Parkplatz und stand kurz darauf vor der Volksbank in der Fussgängerzone - geschlossen. Auf dem Plakat im Foyer gab es keine weitere Information und auch sonst kein Zettel was mit der Nachmeldung wäre. Was tun? Ein Passant kam vorbei und ich fragt, ob es noch eine weitere Volksbankfiliale in Wiesloch gäbe. "Nein, ich kenne keine. Der Ort ist so klein, da lohnt eine zweite Filiale nicht". Mir war auch keine bekannt - kurz überlegt: vielleicht hatte man die Einschreibung kurzfristig nach Nußloch verlegt? Schnell zurück zum Auto und rüber in den Nachbarort zum Zielbereich. Dort angekommen, gleich einen anderen Läufer gefragt. Er erzählte mir, dass er sich vor einer halben Stunde bei der Volksbank in Wiesloch angemeldet hatte - allerdings wohl in einer anderen Filiale, deren Standort er leider nur schlecht beschreiben konnte. Langsam wurde es eng. Wahrscheinlich würde ich es nicht mehr rechtzeitig schaffen, aber bevor ich nach all dem Theater heim fuhr, wollte ich es doch nochmal in Wiesloch probieren. Ich fand die andere Filiale dann doch recht schnell und konnte mich tatsächlich noch anmelden. Also für alle, die beim nächsten Mal ebenfalls in Wiesloch starten wollen und sich dort auch nicht so gut auskennen: die Hauptstelle befindet sich ca. 300m südlich der Filiale in der Fussgängerzone etwas ausserhalb vom Stadtzentrum in Richtung Frauenweiler. Ich wies die Helfer bei der Anmeldung auf die Verwechslungsgefahr hin und das ein Schild in der anderen Filiale ganz hilfreich wäre; vielleicht haben Läufer im nächsten Jahr das Problem ja nicht mehr.

Zum Lauf selbst. Start war in einer Seitenstrasse zur besagten Bank, das Ziel auf dem Parkplatz eines grossen Supermarktes im Nachbarort Nußloch. Nach dem Start geht es zuerst durch die Wieslocher Fussgängerzone und dann eine Steigung hinauf zum Stadtwald. Am Waldrand entlang geht es hinaus in die Felder gen Walldorf. Nach einer kleinen Schleife über unbefestigte Feldwege und ein paar Dämme läuft man wieder zurück in Richtung des Odenwalds und gen Nußloch. Hier geht es leicht bergauf und als ob das nicht genug wäre, machte heute auch ein relativ strammer Wind den Läufern auf dem freien Feld zu schaffen. Der letzte Kilometer am Ortsrand von Nußloch ist dann leicht abschüssig und man kann nochmal richtig Dampf machen, bevor es ins Ziel geht.

Für mich war das wie schon erwähnt ein spontaner Spasslauf, deshalb machte ich mir auch keine Tempovorgabe, konnte ich mich doch nur schwer einschätzen. Ich rechnete mit einer Zeit zwischen 42 und 45 Minuten, wäre aber auch über eine etwas schlechtere Zeit nicht überrascht gewesen zumal ich die Strecke nicht genau kannte. Allerdings war mir klar, dass es einige Wellen zu erlaufen gab und es mit Sicherheit keine Strecke für eine Bestzeit würde. Ich ordnete mich im Startbereich nicht so weit vorne ein und lief zu Beginn in meinem Wohlfühlbereich, den ich erst beim Anstieg aus dem Stadtzentrum rauf zum Wald kurzzeitig verliess. Bis zum Ende des Waldes hatte sich das Feld etwas auseinander gezogen. Ich arbeitete mich langsam aber stetig mit einem 4:10er Schnitt langsam nach vorne. Nur in den windigen Abschnitte suchte ich Schutz hinter vorauslaufenden Läufern auch wenn ich dafür kurzzeitig etwas Tempo rausnehmen musste - Kräftesparen war für mich die Prämisse, hatte ich doch schon länger keinen Tempolauf mehr gemacht. Letztendlich wusste ich auch nicht wie mir der 100-Meilen-Lauf von vor 3 Wochen in den Knochen steckte. Bis Kilometer 8 lief es ganz gut und relativ konstant; ich hatte zu diesem Zeitpunkt nur noch einen Mitläufer. Der Rest des Feldes war nach vorne oder hinten entschwunden. Doch mit dem Wind und der leichten Steigung hatte nun auch ich etwas mehr zu kämpfen und mein Begleiter konnte mir ca. 50 Meter enteilen. Bis zum Ziel arbeitete ich mich dann stetig wieder an ihn heran. Im Ziel war ich dann mit einer 41:39 (offiziell 41:41 Min.). Das bedeutete den 28. Platz (6. in der Altersklasse) von 239. (34.). Zwar bin ich doch ein ganzes Stückchen hinter meiner Bestzeit, aber sowohl die Zeit wie auch die Platzierungen waren in Anbetracht der Rahmenbedingungen mehr als erfreulich und passten hervorragend zu diesem wahrlich herrlichen Herbsttag.

6. Oktober 2011

Ein Mythos feiert Jahrestag

Am Wochenende geht's wieder rund auf Big Island: der Ironman Hawaii steht an. Aktuell wird man als Triathlet im virtuellen Raum täglich zugeballert mit den aktuellsten Neuigkeiten von der Pazifikinsel. An mir geht es im Vergleich zu den Vorjahren diesmal etwas alles vorbei. Das Interesse ist nicht mehr ganz so gross. Das ist einerseits sicher ein Spiegelbild meiner eigenen persönlichen Interessen: für mich persönlich hatte der Ultratrail du Mont Blanc dieses Jahr im Vergleich zum jetzigen Ironman einfach einen viel höheren Reiz und Stellenwert. Aber auch was das Teilnehmerfeld angeht, ist aus meiner Sicht etwas die Luft raus. Die für mich herausragenden Charaktere der letzten Jahre werden dieses Jahr keine Rolle mehr spielen oder gar nicht mehr am Start sein. Chriss "Macca" McCormick hat dieses Jahr andere Prioritäten und versucht sich wieder mehr auf der Kurzdistanz, Normann Stadler ist leider zurückgetreten. Die Favoriten für dieses Jahr sind ebenfalls herausragende Athleten und werden sicher ein tolles Rennen abliefern, doch echte Typen, die auch Nicht-Triathleten vor den Fernseher locken könnten, vermisse ich etwas. Einzig eine Chrissie Wellington versteht noch das unbeteiligte Publikum in ihren Bann zu ziehen. Und wenn ich am Wochenende das TV-Gerät anschalten werde, dann primär um sie und vielleicht einen Faris Al-Sultan zu sehen. Sollte das Rennen in der Männerspitze aber so werden wie ich es befürchte, dann werde ich mir nebenbei vielleicht lieber nochmal das ein- oder andere Video des Rennens am Mont Blanc anschauen. Last but not least hat die fortschreitende Kommerzialisierung der Ironman Serie bei mir auch ihre Spuren hinterlassen und meine Begeisterung auch für dieses Rennen gedämpft. Nächstes Jahr werde ich deshalb nach bisherigem Stand auch kein weiteres Rennen der Serie bestreiten. Warum auch: die gewachsene Challenge-Serie bietet inzwischen sehr schöne Alternativen für Langdistanztriathleten, die nicht dem Hawaii-Start nachjagen wollen oder müssen. Mit dem Ostseeman oder dem Triathlon in Moritzburg gibt es weitere interessante Langdistanzen in Deutschland. Was bleibt ist der Mythos des Ur-Triathlons, der vor vielen Jahren auf der Inselgruppe im Pazifik als neue Sportart ins Leben gerufen wurde. Vielleicht ist es dieser Mythos, der uns Triathleten auch am kommenden Wochenende wieder vor die Live-Übertragungen im Netz und TV locken wird.

29. September 2011

Grenzen überschreiten - 100 Meilen durch das Land

So langsam kann ich es fassen - selbst glauben - was ich da geschafft habe. Bin ich verrückt, weil ich immer extremere Sachen mache? Vielleicht, aber hoffentlich positiv verrückt. Und vorallem macht es Spass!
Kurzer Rückblick. Seit nunmehr 10 Jahren mache ich Ironman-Wettkämpfe als mein jährliches Saisonhighlight. Doch zuletzt habe ich leichte Abnutzungserscheinungen mentaler Art gemerkt. Zwar finde ich Triathlon immer noch eine der spannensten Sportarten, die es gibt, doch war zuletzt etwas die Luft raus - die Spannung etwas weg. Inzwischen habe ich fast alle Wettkämpfe gemacht, die ich mal machen wollte, so war es an der Zeit sich neue Ziele zu setzen und wieder neue Motivation zu finden. Für 2011 bedeutete das weniger Triathlon und mehr anderer Sport. Die Wahl fiel hierbei besonders auf Ultramarathons, Landschaftsläufe und Trailrunning - wortwörtlich naheliegend seit meinem Umzug zu Beginn des Jahres, da ich jetzt fast am Waldrand und Berg wohne. Nach dem 50er in Rodgau im Januar folgte im Mai meine erste Teilnahme am Rennsteiglauf in Thüringen - mit 72,7 Kilometern mein bis dahin längster Lauf. Doch damals war mir schon klar, dass das für dieses Jahr noch nicht das Ende der Fahnenstange war. Ich hatte mir ein klares Ziel gesetzt und das hiess mehr solch schöne Landschaftläufe zu machen und die Qualifikation für den Ultratrail du Mont Blanc zu schaffen. Und dafür fehlten mir noch einige Qualifikationspunkte. Im August kehrte ich nach Sonthofen zum Allgäu Panorama Ultratrail zurück, finishte bei hochsommerlichen Temperaturen und kassierte meine nächsten Punkte. Anfang September startete ich dann beim L'Infernal Trail des Vosges über 150 km. Verletzungsbedingt musst ich bekanntlich bei der Hälfte der Strecke aussteigen. Das hatten meinen Hoffnung auf eine baldige Qualifikation einen kräftigen Dämpfer gegeben - die letzten Qualifikationswettkämpfe für dieses Jahr waren alle entweder weit weg oder schon voll. So auch der KuSuH 100, bei dem ich zumindest noch an Position 5 der Warteliste stand.  Ich erholte mich erstmal von dem anstrengenden Lauf und kurierte meine Verletzung wieder aus. Dann geschah womit ich kaum noch gerechnet hatte und ich rutsche keine 48 Stunden vor dem Start des KuSuH doch noch in das Startfeld. Ich musste nicht lange überlegen, um sagte sofort zu. Ohne gezielte Vorbereitung ein 100-Meilen-Lauf quasi aus dem Training heraus - das war selbst für mich ungewöhnlich.
Zum Lauf werde ich jetzt noch nicht viel erzählen, das folgt später einmal. Aber wichtig ist: ICH HABE ES GESCHAFFT!!!!! 100 amerikanische Meilen - 160 Kilometer mit über 3.100 Höhenmetern durch die Region Kraichgau, Stromberg und Heuchelberg. So viel bin ich noch nie gelaufen: die ca. 78 Kilometer in den Vogesen waren bisher die weiteste Strecke, der Lauf in Thüringen der bisher längste, den ich gefinisht habe. Jetzt mehr als das Doppelte .. und es fiel mir einfacher als ich dachte. Natürlich war ich im Ziel ziemlich geschafft und wollte auch vom Mont Blanc-Lauf erstmal nicht mehr wissen. Doch jetzt ein paar Tage später sieht das alles schon wieder ganz anders aus. Ich habe bei dem Lauf gefunden, was ich lange gesucht habe. Dieser Lauf war genau das, was ich machen wollte: Spass, gute Laune und ein kleines Abenteuer mit Freunden (die ich erst beim Lauf kennengelernt habe). Das alles in herrlicher Natur auf anspruchsvoller, abwechslungsreicher Strecke. Ich habe meine persönliche Grenze wieder etwas weiter verschoben und bin begeistert, was alles möglich ist, wenn man es nur wirklich will. Danach kann man süchtig werden. Meine Qualifikationspunkte habe ich jetzt zusammen, ich kann mich nun also beruhigt zurücklehnen, mich erholen und mir Gedanken über die nächste Saison machen. Und mich freuen über das was ich da am letzten Wochenende geschafft habe - einfach unglaublich!

11. September 2011

Traillauf in den Vogesen (mit Update)

Morgengrauen in den Vogesen
Bertold Brecht hat mal gesagt "Wer kämpft, der kann verlieren. Wer nicht kämpft, der hat schon verloren". Lange habe ich mit mir gerungen, ob ich die 159 Kilometer lange Strecke des L'Infernal in den Vogesen machen sollte. Nicht die Distanz machte mir Sorgen, sondern die Höhenmeter. Irgendwann musste ich dann an das besagte Motto denken und wagte dann die Anmeldung. Um das Ergebnis gleich vorweg zu nehmen: ich konnte den Lauf nicht beenden. Habe ich deshalb verloren? Ja, wenn man es vom Resultat her betrachtet schon. Aber ich bin um einige Erfahrungen reicher, habe einen tollen Lauf kennengelernt und eine schöne Landschaft gesehen. So weh mir das Ausscheiden - das erste bei einem Lauf überhaupt - tut, so hätte ich etwas verpasst, wenn ich nicht gestartet wäre. So ärgert mich fast noch mehr, dass ich nicht auch den Rest der Strecke kennengelernt habe.

Kurz vor dem Start lernte ich Gerhard kennen. Er war neben mir anscheinend der einzige Deutsche, der sich zu diesem Lauf gewagt hatte. Wie ich aus unserem Gespräch erfuhr, verfügte er schon über reichlich Ultratrailerfahrung. Auf meine vorsichtigen Aussagen bzgl. meines zu erwartenden Ergebnisses, machte er mir Mut. Ein Satz sollte mir allerdings schneller wieder in Erinnerung kommen als ich dachte: "Du wirst irgendwann während des Lauf einen toten Punkt erreichen - den hat aber jeder mal und da musst Du drüber hinaus laufen". 

Der Start erfolgte dann um 0 Uhr. Zum Start gab es noch ein kleines Feuerwerk und ein brennender Schriftzug mit dem Namen des Laufs wurde am Hügel entzündet. Dann ging es los. In einer kleinen Schleife rannten wir durch den Ort zum Rathaus. Den Publikum nach war der ganze Ort auf den Beinen, um uns anzufeuern. Dann ging es den ersten Berg hinauf und in den Wald. Für mich eine neue Erfahrung, hatte ich doch nie zuvor einen Lauf in der Nacht gemacht. Das eher zweidimensionale Licht war sehr gewöhnungsbedürftig, doch man gewöhnte sich daran. Erschwerend kam in den tieferen Regionen Nebel dazu, der die Sicht nicht gerade verbesserte. Ich versuchte immer in einer Gruppe zu laufen, so war der Weg dann immer gut ausgeleuchtet und besser zu laufen. Hie und da kamen wir an ein paar Hotspots vorbei, an denen uns Leute anfeuerten - mitten in der tiefsten Nacht! Die Strecke verlief zu 90% im Wald. Ausser uns Läufern war kaum etwas zu hören: ein paar Mal rief ein Kauz in die Nacht und paar Fledermäuse flatterten um uns herum. Nachdem es moderat mit Wegen begonnen hatte wie ich sie auch von zuhause kannte, zogen einige Rampen das Feld gehörig auseinander. Mitunter führte die gut markierte Strecke über Hänge, die ich nie und nimmer als Weg erkannt hätte, wenn sie nicht mit Pfeilen und Flatterbänder gewesen wären. Mehr als einmal musste ich auf allen Vieren den Hang hinaufklettern. Kilometermarkierungen gab es unterwegs keine - nur eines war sicher - der Weg ist auf jeden Fall noch weit. Kurz nach 3 Uhr - ich weiss nicht der wievielte Anstieg das war - kam er dann der Punkt, den Gerhard beschrieben hatte. Der Hang wollte nicht enden. Habe ich mich jemals über den harten Anstieg beim Lauf im Allgäu zum Sonnenkopf beschwert? Das mache ich nie mehr, denn das hier war nochmal ein ganz anderes Kaliber. Ich war entkräftet und fühlte mich leer. Die Punkt kam viel zu früh! Hatte ich mir zu viel zugemutet? Das konnte es doch eigentlich noch nicht gewesen sein. Die zurückgelegten Kilometer waren noch ein Witz. Irgendwas musste ich tun. Vor dem Lauf hatte ich mich nochmal zu einem vollwertigen Trailläufer ausgestattet. Ein Laufrucksack mit etwas mehr Stauraum als bei meinem alten. Und, das sollte in diesem Moment meine Rettung sein, mit zwei Stöcken. Diese hatte ich bis zu diesem Moment auf meinem Rucksack getragen. Nun war mir aber alles egal. Ich holte sie vom Rucksack, stütze mich kurz auf ihnen auf während ich etwas ass und trank, dann setze ich die Kletterpartie fort. Vielleicht konnten mir die Stöcke ja helfen diesen Hang hoch zu kommen und dabei etwas Kraft zu sparen. Das Gute ist, jeder Berg hat ein Ende und so kam auch ich irgendwann oben an. Und wenn meine Vermutung richtig war, war ich auch immer noch ganz gut im Feld platziert. Ich wusste zwar nicht wie ich diese Strecke schaffen sollte, wenn es so weitergehen würde, doch das hier sollte noch nicht das Ende sein. Die nächste Verpflegung nutzte ich ausgiebig und die Ruhe tat mir gut. Danach lief es bei mir wieder besser. Zwar schmerzten meine Fußsohlen und hie und da meldeten sich auch meine Beine, doch das konnte ich erfolgreich ignorieren; wie zu erwarten waren die Schmerzen in den Beinen immer nach kurzer Zeit wieder verschwunden.
Frühnebel in den Tälern
So langsam konnte ich diesen Lauf auch wieder geniessen. Die Stöcke halfen mir deutlich mit der Strecke sowohl bergauf wie auch bergab besser zurecht zu kommen; ich hatte das insgesamt kraftsparender unterwegs zu sein. Unterdessen hatte ich den Eindruck, dass sich der Nebel in die Täler zurück zog. So hatten wir oben auf den Bergen, eine wesentlich bessere Sicht auf den Weg und nach oben einen tollen Ausblick auf das Firmament. Mir erschien das Funkeln der Sterne heute heller als sonst - unzählige kleine und grosseheiss. Kurz kamen Erinnerungen an den Lauf im Allgäu hoch. Ich tat was ich bei solchen Wettkämpfen immer tat: ich achtete auf eine ausreichende Versorgung, trank regelmässig und versuchte so gut es ging im Schatten zu laufen.
Zeugnis der Vergangenheit
Dann kam irgendwann ein Abstieg, der es in sich hatte - es müsste am Moyement gewesen sein. Es ging direkt einen steilen Abhang hinunter. Wieder einer dieser Wege, die ich schon als Wanderer ungern nehmen würde. Dieser Abschnitt muss meinen sowieso schon geschundenen Sehnen und Bändern dann den Rest gegeben haben, denn danach hatte ich besonders bei den weiteren Bergabpassagen Schwierigkeiten bei leichter Kippbewegung des rechten Fusses - ein falsche Bewegung und ein Höllenschmerz durchfuhr mich. An rennen war nicht mehr zu denken. Bisher hatte ich alle Schmerzen erfolgreich ignoriert, doch dieses Mal war das Zeichen des Körpers nicht mehr zu überhören. Auf dem Piquante Pierre erfuhr ich, dass ich immer noch ganz ordentlich platziert war, doch als ich hinunter nicht mehr richtig laufen konnte, war meine Entscheidung klar - dies würde der erste Lauf meines Lebens sein, den ich nicht beenden würde. Auf dem Abstieg überholte ich sogar noch gehend einen anderen Läufer, der offensichtlich auch grosse Schwierigkeiten hatte - es war ziemlich eindeutig, dass auch eher an der nächsten Station aufgeben würde. An der Station angekommen traf ich auf einen weiteren Abbrecher und es sollten an dieser Station auch noch mehr folgen. Nach einiger Zeit kam ein Arzt und untersuchte meinen Fuss. Die Diagnose war so wie ich es verstand gar nicht schlecht: es wäre nichts schlimmes, meine Bänder wären noch in Ordnung und ich könne versuchen weiter zu laufen, er würde mir allerdings dazu abraten. Die Schmerzen beim Auftreten waren akut und nochmal ca. 80 bis 90 Kilometer mit so einem Schmerz weiterzumachen hätte für mich nichts mehr mit Spass und Sport zu tun gehabt. Wenn die Gesamtstrecke zwischen 90 und 100 Kilometern gewesen wäre, wäre ich vermutlich trotz Schmerzen weiter und hätte den Lauf gehend beendet. Aber diese Distanz war mit den Schmerzen dann doch zu viel und wer weiss, was ich mir dadurch alles kaputt gemacht hätte.

Meine Entscheidung bereue ich auch einen Tag danach nicht. Dem Fuss geht es inzwischen wieder besser, er war gestern vermutlich einfach überreizt. Meinen deutschen Mitstreiter traf ich übrigens an der Verpflegung, an der ich ausstieg, wieder. Er bestätigte mich darin, dass der Anteil schwieriger Trails hier aussergewöhnlich hoch wäre. Und dass das nur etwas Leute mit Sehnen und Bändern wäre, die solche Wege schon eher gewöhnt wären. Meine Sehnen waren das zumindest nicht und im Odenwald kenne ich auch keine vergleichbaren Wege, um das mal zu trainieren. In Zukunft werde ich solche Wettkämpfe ohne adäquate Vorbereitung also lieber meiden. Und last but not least: ich habe ungefähr 75 Kilometer dieses harten, kräftezehrenden Laufes geschafft! Dafür habe ich zwar keine Urkunde oder Medaille bekommen, aber hey .. das war eine starke Leistung auf die ich auch ein kleines bisschen stolz sein kann.

Update: inzwischen hat auch Gerhard seinen Bericht vom Lauf online gestellt. Im Gegensatz zu mir hat er es mit seiner Lauferfahrung und ohne Verletzung ins Ziel geschafft und auch noch eine gute Platzierung erreicht. Jeden seiner Eindrücke vom Lauf kann ich absolut bestätigen.

1. September 2011

Vor dem TAR 2011

Am Wochenende geht es wieder los .. und wieder kann ich nicht dabei sein.



Leider habe ich wieder keinen Laufpartner bzw. keine Laufpartnerin für den Transalpine-Run gefunden, der/ die sich mit mir auf das Abenteuer Alpencross per Pedes einlassen möchte. Vielleicht klappt es ja nächstes Jahr. Überlegt's Euch!!!

Ich drücke auf jeden Fall allen diesjährigen Teilnehmern - egal ob ich sie kenne oder nicht - die Daumen und wünsche einen guten Lauf!

Wer den Lauf von zuhause verfolgen will, kann dies über die den YouTube-Kanal des Transalpine-Run und vermutlich auch bei Salomon machen.

23. August 2011

Hitzeschlacht im Allgäu

Nach einem Jahr Pause bin ich am Wochenende wieder beim „Allgäu Panorama Marathon“ über die Ultratrail-Distanz gestartet. Dieses Jahr war es gleichzeitig die Deutsche Meisterschaft im Landschaftslauf der Deutschen Ultramarathon Vereinigung. Wie schon bei meiner ersten Teilnahme, hatten wir auch dieses Jahr Glück mit dem Wetter: wolkenloser Himmel und strahlender Sonnenschein – das Thermometer kletterte früh weit über 30 Grad. Zum Laufen war es etwas zu warm, aber dafür wurde der Blick auf die tollen Alpenpanoramen auch durch nichts getrübt. Oben in den Bergen gab es ganz grosses Kino: eine herrliche Fernsicht auf die umliegende alpine Kulisse, Wiesen und Weiden, verblockte Trails und Wurzelpfade mit Ausblick. In dieser Traumlandschaft war für jeden Läufertyp etwas dabei.

Der Start der Ultratrailstrecke erfolgte morgens um 6 Uhr herrlich unaufgeregt: mit ruhiger, leiser Stimme zählte der Sprecher erst die Minuten, dann die Sekunden bis zum Start runter. Dann ging es raus aus Sandhofen erstmal ein Stück an der Iller entlang. Noch war es recht frisch, doch das sollte sich bald ändern und spätestens beim ersten Anstieg nach ca. 2,5 Kilometern wurde es sowieso jedem von uns warm. Fortan ging es für lange Zeit erstmal nur noch bergauf – mal mehr, mal weniger stark. Auf dem ersten Abschnitt bis zur Weltcuphütte, um Sigiswanger Horn und Rangiswanger Horn zum Gipfel des Weiherkopfes taucht man geradezu ein in die Allgäuer Bergwelt. Unten im Tal schlief man vermutlich noch tief und fest, während sich hier oben die Weidetiere friedlich ihr Frühstück suchten und wir Läufer uns schon hochkonzentriert bergauf durch teils schwierige Trails manövrierten. Ab und zu stand Vieh uns im Wege, abschnittsweise wurde ich aber auch von einer laufenden Kuh regelrecht begleitet. Da sie etwas oberhalb meines Weges lief, hatte ich kurzzeitig fast Furcht, sie würde stolpern oder abrutschen und auf mich drauffallen. Ich hatte schon früh auf den ersten Bergauftrails Schwierigkeiten das Trainierte umzusetzen: ich fühlte mich mehr angestrengt als erwartet und meine Trittsicherheit liess zu wünschen übrig – das würde ein harter Tag werden! Die ersten 900 Höhenmeter waren am Riedberger Horn geschafft und zum Glück ging es von hier für’s Erste bergab. Erst ab der Verpflegung in Grasgehren ging es mir etwas besser; vielleicht hatte einfach der morgendliche Kaffee gefehlt und nun musste das gereichte Cola seine Wirkung zeigen. Dahinter wurden die Wege etwas einfacher. Über die Schönberg-Alpe und weitere andere Alpen näherten wir uns dem Kleinwalsertal. Die Grenzen nach Österreich hatten wir schon längst überschritten. Der rutschige Abschnitt durch das Rohrmoos, den wir vor 2 Jahren noch gelaufen waren, war dieses Jahr nicht mehr dabei. Durch die Regenfälle der vergangenen Wochen wäre das Moor zu gefährlich gewesen. So kamen wir dieses Mal auch relativ sauber am Gasthof Hörnlepass an, ein möglicher Schuh- oder Kleiderwechsel war damit obsolet. Für mich damals wie heute ist die Verpflegungsstation am Hörnlepass vielleicht die Beste auf der ganzen Strecke: es gibt alles was man sich wünscht, die Helfer sind gut gelaunt und hilfsbereit - man glaubt fast, sie können einem jeden Wunsch von den müden Augen ablesen. Ungefähr bei Kilometer 35 hatten wir am Viadukt hinüber nach Unterwestegg dann die Hälfte der Strecke hinter uns gebracht. Doch wo ein Tal ist, da ist auch ein Berg. So ging es auf der anderen Seite wieder gnadenlos hinauf. Es war inzwischen unerträglich heiss geworden und meine Mitläufer und ich nahmen jeden Brunnen unterwegs als willkommene Erfrischung. Da wir uns schnell wieder in die Höhe bewegten, bot sich schon nach kurzem eine tolle Aussicht ins Tal und über die Oberstdorfer Bergwelt mit Blick bis zum Grünten. Auf einer Passage über einen Holzsteg – ich glaube es war im Hühnermoos - verlief ich mich kurz. Einige Wanderer versperrten den kompletten Weg und reagierten in ihre Gespräche vertieft nicht auf meine Rufe von hinten bitte eine Gasse frei zu lassen. Da ich in der Menschenmenge auch keine Wegmarkierungen sehen konnte, rannte ich in der irrigen Annahme hier ginge unsere Strecke weiter in den ersten Trail am Waldrand hinein. Meinen Irrtum bemerkte ich zum Glück schnell, kletterte die paar Meter wieder hinauf zurück zum Holzsteg und war beruhigt als ich die nächsten nachfolgenden Läufer vorbeilaufen sah. Leider hatte ich mir bei meinem Ausflug durch das Moos ein paar Steinchen im Schuh eingefangen, deshalb musste ich 2 mal anhalten, um sie aus meinem Schuh zu entfernen. Dann folgte ein längerer Abschnitt im Wald. Wald bedeutete Schatten und das war erstmal gut. Die Route führte uns um den Freibergsee. Bei dem herrlichen Ausflugswetter waren hier viele Wanderer unterwegs. Zum Glück waren die Wege breit genug und die meisten Wanderer recht rücksichtsvoll, so dass wir uns nicht gross in die Quere kamen. Dann näherten wir uns Oberstdorf. Kurze Zeit ging es durch die Ebene. Vorbei am Minigolfplatz und am Eissportzentrum begann dann der letzte Anstieg, der uns schon nach kurzer Zeit in die Skisprungarena führte. Ein paar Leute hatten tatsächlich den Weg hier hin gefunden, um uns anzufeuern; vermutlich zum Grossteil Anhang der Teilnehmer. Beim Einlauf kündigte uns ein Sprecher an und wir liefen auch über eine Zeitmessmatte – es hatte schon fast etwas von einem Zieleinlauf. Und tatsächlich hätte man hier die Möglichkeit gehabt auszusteigen. Doch obwohl ich mit meinen Kräften schon ziemlich am Ende war, war aussteigen keine Option: mein Auto stand in Sonthofen und ich wollte auch die Qualifikationspunkte für den Ultratrail am Mont Blanc, die ich nur bei einem Finish hier bekäme. Also weiter. Von hier war es auch „nur“ noch Halbmarathondistanz .. allerdings mit 1.000 Höhenmetern, die ohne grosse Verschnaufpause in einem Rutsch zu erklimmen waren. Davon waren ungefähr 400 sogar auf einer Strecke von nur ca. 700 Metern ab dem Entschenalp-Hof auf dem letzten Teil zum Sonnenkopf hoch. Mir hätte schon der Anstieg bis dahin gereicht, die Hitze gepaart mit dem Anstieg kostete uns die letzten Körner. Inzwischen nuckelte ich schon alle 5 Minuten an meinem Trinkrucksack, die ersten Anzeichen einer Dehydrierung waren nahe, obwohl ich heute wie auch am Vortag regelmässig und ausreichend getrunken hatte. Auf dem Weg zur Gaisalpe fuhr ein etwas älterer Radfahrer an meiner Seite und unterhielt sich mit mir. Es stellte sich heraus, dass er früher selbst begeisterter Landschaftsläufer und aus Darmstadt war. Er hatte während seines Urlaubs zufällig von der Veranstaltung gehört und kam deshalb hierher, um uns etwas anzufeuern. Das Gespräch mit ihm half mir die Strapazen zu vergessen. An der Gaisalpe trennten sich dann leider unsere Wege, waren doch die folgenden Pfade für ihn nicht mehr befahrbar. Spätestens bei der Rampe hoch zum Sonnenkopf wäre für ihn Endstation gewesen. Doch irgendwann hat jeder Berg mal ein Ende. Ein kurzes „Hallo“ mit ein paar Leuten, die uns am Sonnenkopf erwarteten, dann ging es schon bergab gen Sonthofen, das wir von hier oben gut sehen konnten – es sah nur noch sooo weit aus. Bergab war ich sehr vorsichtig. Jetzt bloss kein Sturz mehr. Und auch einen Kollaps wollte ich vermeiden. Ausserdem schmerzten meine Füsse und so erlaubte ich mir sogar bergab abschnittsweise zu gehen – Ziel war es nur noch heil am Schwimmbad in Sonthofen anzukommen. Auch wenn es etwas deprimierend war, Konstanz hatte ich keine mehr, doch mein Geh-Lauf-Wechsel funktionierte. Ein Pärchen überholte mich schon oben auf dem Trail hinab vom Gipfel. Mehrere Male konnte ich sie nach kurzem „Erholungsspaziergang“ ein- und überholen, obwohl sie mir eigentlich noch fitter erschienen. Den letzten Abschnitt kurz vor Sonthofen hatte ich von meiner letzten Teilnahme etwas anders in Erinnerung. Vielleicht ist die Streckenänderung auf der Wettkampfbesprechung, die ich verpasst habe, verkündet worden. Laut Ausschreibung sollte es entlang des Schwarzenbachs zur Wassertretanlage und von da zum Schwimmbad gehen. Der Strecke am Bach hatte ich deutlich länger und schöner in Erinnerung. Im Grunde genommen war das aber auch egal, denn im Vergleich zum Rest der Strecke war das marginal. Am Schwimmbad angekommen, konnte ich schon die ersten Läufer sehen, die das Bad schon wieder verliessen. Ob sie von der langen Strecke oder einer der kürzeren Strecken kamen, war nicht ersichtlich. Eigentlich wollte ich ja auch viel früher wieder hier sein, aber manchmal läuft alles doch etwas anders als man denkt. Mit so extremen Bedingungen hatte ich nicht gerechnet und heute zählte irgendwann nur noch das gesunde Ankommen und das habe ich erreicht. Knapp 2 DIN-A4 Seiten Abbrecher in der Ergebnisliste sprechen Bände. Ich wurde 86. von 246 Finishern mit einer Zeit knapp über 10 Stunden - letztes Mal war ich über eine halbe Stunde schneller. Interessant war, dass sich an meinen Zwischenplatzierungen nichts gross verändert hat und ich meine Platzierung der ersten Zwischenzeit bis ins Ziel gehalten habe, während sich bei den anderen Platzierungen um mich herum sehr viel Bewegungen im Laufe des Rennens von oben nach unten und anders herum gezeigt haben.

Auf jeden Fall sucht diese Strecke in Deutschland seinesgleichen. Die Organisation war ebenfalls top. Es ist und bleibt ein sehr empfehlenswerter Lauf. Dem interessierten Einsteiger würde ich allerdings empfehlen erstmal auf der kürzeren Marathonstrecke reinzuschnuppern, bevor man sich auf den langen Kanten begibt.