27. August 2014

Eiskalt erwischt

Vor einigen Jahren war ich schon mal kurz in Kopenhagen und Dänemark, dieses Jahr hatte ich beim Ironman Kopenhagen die Möglichkeit Land und Leute endlich besser kennenzulernen. Schon am ersten Tagen ist mir die entspanntere Atmosphäre im Lande aufgefallen: alles läuft weniger hektisch und aggressiv ab, die Menschen sind freundlich, hilfsbereit, sie lächeln und lachen mehr. Schon auf der Autobahn geht es entspannter zu, was nicht ausschliesslich an der zugelassenen Höchstgeschwindigkeit liegen muss. Auch in der Stadt ist der Umgang miteinander viel entspannter. Eine Atmosphäre, in der sich leben lässt und die sich zum Teil auch auf die Athleten übertrug – vieles ging trotz der hohen Teilnehmerzahl von über 3000 Athleten schon im Vorfeld viel entspannter zu. Alles war so organisiert, dass es meist kein grosses Gedränge und keine langen Schlangen gab. Die 3 Wettkampfstrecken waren aus Athletensicht ähnlich gut gewählt, so dass sich der Stress für die am Wettkampf Unbeteiligten hoffentlich auch weitgehend in Grenzen hielt. 

Einchecken am Schwimmstart
Zu meinem eigenen Rennen .. ein Rennen, das ich lieber schnell vergessen will. Es war meine inzwischen 15. Langdistanz und leider mit Abstand meine schlechteste. Eine Erklärung habe ich noch nicht. Manch einer in meinem Umfeld vermutet eine gewisse Erschöpfung nach den Vorbelastungen, die ich hatte, doch das erklärt mir nicht den drastischen Leistungsabfall zu allen vorherigen Rennen, den ich vom Start an erlebt habe. Nach dem Landstart ins ca. 15°C kalte Eiswasser zeigte mein Körper nach wenigen Metern eine Art Schockreaktion wie ich sie noch nicht erlebt habe, die über die normale Panik im Anfangsgewühl weit hinausging. 2x musste ich mich deshalb im flacheren Bereich in Ufernähe sammeln, überlegte auszusteigen und verkündete das sogar einem der begleitenden Kajakfahrer. Als ich mich beruhigt hatte, setzte ich das Rennen dann doch in gemässigtem Tempo fort. Endlich auf dem Rad besserte sich mein Zustand kaum und ich konnte leider zu keiner Zeit meine normale Leistung abrufen. Ich konnte mich gedanklich damit abfinden, dass es heute um nichts anderes als das Finishen gehen konnte – nie zuvor habe ich bei einem Rennen so oft an das Aussteigen denken müssen. Das Einzige, was mich aufmunterte, war zu sehen, dass andere nicht viel schneller waren und ich noch eine reelle Chance hatte, das Rennen zu beenden – zumindest wollte ich nochmal die Laufstrecke kennenlernen. Beim Marathon setzte sich das grausame Spiel fort und der 3-Stunden-Marathoni mutierte hier zu einem knapp 6-Std-Power-Walker. Die Unterstützung der Menschen war, egal ob es regnete oder die Sonne schien, immer wieder toll. Und gerade als es nach hinten heraus auf der Strecke leerer wurde, harrten einige immer noch einige Hartgesottene aus, feuerten uns unermüdlich an und leisteten dabei ihren eigenen harten Ironman. Einige waren so beharrlich, dass ich geschunden wie ich war trotzdem gar nicht anders konnte, als mal wieder einige Meter zu laufen. Letztendlich habe ich mein Rennen ins Ziel gebracht, mir Finishermedaille und –hemd abgeholt.

Die Organisation des Wettkampfs war sehr gut. Beim Schwimmen fand ich die Streckenangaben an den Brücken klasse, Wellengang war kein Problem. Die Radstrecke war toll: erst die wunderschöne Küstenstrasse gen Norden und dann über das sehr ländliche Hinterland zurück; hier hätte ich mir nur manchmal eine komplette Strassensperrung gewünscht, da es auf der einen Strassenseite mit dem oft schlechten, rechten Strassenrand und den vielen Radfahrern doch arg eng wurde. Mitunter war es recht windig und kalt, aber nichts anderes hatte ich in Skandinavien erwartet - mir war das sogar gar nicht so unrecht. Die Laufstrecke führte an zahlreichen Sehenswürdigkeiten Kopenhagens vorbei und wer bis dahin die Stadt noch nicht gesehen hatte, der bekam spätestens jetzt die Hauptstadt gezeigt. Nachdem wir auf unseren Runden ganze 8 Mal daran vorbeikamen, hätte ich mir allerdings gewünscht, dass mir die Eis- und Waffelbäcker in Nyhavn mal zur Abwechslung ein leckeres Eis in frischgebackenen Waffel aus dem Laden bringen und ich nicht nur auf die Wettkampfverpflegung angewiesen wäre. Spass beiseite: auch an dieser Strecke gab es aus meiner Sicht nichts auszusetzen.

Fazit: eine top Veranstaltung, etwas familiärer und entspannter als woanders in Mitteleuropa, Langdistanz Nr. 15 bzw. "Ironman" Nr. 9 gefinisht, eine tolle Stadt und ein schöner Urlaub – danke Dänemark!!!

16. Juli 2014

Rückkehr an den Main

Es war 2002 als ich meinen ersten „Ultralangdistanz-Triathlon“ gefinisht habe. Ursprünglich war dafür - mein grosser Traum – der Challenge in Roth geplant. Doch wie es der Zufall so wollte, wurde ich am Ort des Geschehens kurz vor dem Rennen krank und konnte letztendlich nicht starten. Nach 2 Wochen Trübsal meldete ich mich kurzfristig zu dem damals noch neuen Ironman Frankfurt an und durfte mich einen Monat später dann endlich „Ironman“ nennen. 2005 kehrte ich zurück nach Frankfurt – was mir aus diesem Jahr im Gedächtnis geblieben ist, sind eine verschmierte Brille beim Schwimmen, heftige Rückenschmerzen auf dem Rad und die Hitzeschlacht beim Marathon. Seither hat mich trotz weiterer Langdistanzen nichts mehr zurück nach Frankfurt gezogen. Nun, 14 Jahre später, wollte ich es mal wieder probieren. Durch die räumliche Nähe hat das Rennen ja auch gewisse Vorteile für mich. Leider war die Vorbereitung suboptimal. Aufgrund meiner Achillessehnenreizung hatte ich kaum Lauftrainingskilometer und fast ausschliesslich Schwimmen und Radfahren trainiert. Und auch diese beiden Disziplinen nur bedingt, sollte das Training den Heilungsprozess doch nicht zu sehr beeinflussen. So ging ich ohne grosse Erwartungen in dieses Rennen. Für die ersten beiden Disziplinen konnte ich mich halbwegs gut einschätzen, doch einen Marathon nahezu ohne Lauftraining zu laufen, war selbst für mich ziemlich verrückt. Allerdings konnte ich mich gut genug einschätzen, um zu wissen, dass dies für mich machbar wäre. Mit der Verletzung wurde es pünktlich zum Rennen dann auch langsam besser. An den Tagen vor dem Wettkampf lief alles bestens und ich freute mich auf das Rennen. Sonntagmorgen klingelte der Wecker irgendwann zwischen 3 und 4 Uhr. Ich frühstückte, packte meine letzten Sachen und machte mich mit etwas Pufferzeit auf den Weg zum Schwimmstart. Leider war die Verkehrsführung geändert und die neue Anfahrt nicht komplett ausgeschildert. Zudem bekam ich einen Parkplatz am anderen Ende des Sees. So kam ich erst mit dem Schliessen der Wechselzone an meinem Wechselplatz an. Es reichte gerade noch, um die Flaschen aufzufüllen und meine Verpflegung zu deponieren, die Kontrolle des Luftdrucks und andere Kontrollaktivitäten an Rad und Ausrüstung mussten entfallen – hier vertraute ich einfach auf mein Gefühl, dass alles soweit eigentlich vorbereitet war und auch die Luft im Reifen für 180 km halbwegs passen müsste. Während ich den Neoprenanzug noch anzog, erfolgte der Start der ersten Gruppe mit allen Profis und ausgewählten Altersklassenathleten. Dann ging es schon für meine Gruppe ins Wasser. Normalerweise suche ich mir immer einen Platz am Rande des Feldes, wo ich erstmal in Ruhe und mit ausreichend Platz meinen Rhythmus finden kann. Doch heute schien mir das Feld im Wasser in beide Richtungen endlos zu sein, so verblieb ich in meiner mittigen Position – ein grosser Fehler wie sich in Kürze zeigen sollte. 

 Aus den Lautsprecherboxen am Ufer tönte wie man es auch aus dem Kraichgau kennt als Countdown-Lied „Hells Bells“. Dann erfolgte der Start. Beim Einschwimmen hatte ich mich noch recht gut gefühlt. Doch nach dem Startschuss wurde es schnell eng, ich wurde bedrängt von allen Seiten, bekam Tritte und harte Schläge. Freischwimmen von den anderen funktionierte nicht, ständig war jemand vor, neben oder hinter einem und im nächsten Moment gab’s den nächsten Schlag. Einen Schlag oder Tritt bekam ich ganz unglücklich auf den Kiefer – ich sollte ihn noch Tage später als blauen Fleck am Kinn sehen können. Das war mir trotz meiner Erfahrung alles zu viel und ich bekam leichte Panikzustände. Nun ist das Gefühl für mich nicht ganz neu und ich wusste wie ich reagieren musste: so gut es geht raus aus der Menge, Brustschwimmen mit Kopf aus dem Wasser und möglichst schnell wieder zur Ruhe kommen. Als ich mich wieder halbwegs beruhigt hatte, fing ich wieder vorsichtig an zu kraulen. Meine anvisierte gute Schwimmzeit konnte ich natürlich vergessen, so war für diese erste Disziplin mein Wille gebrochen und ich spulte das Schwimmen nur in einem ruhigen Rhythmus herunter, ohne mich noch sonderlich anzustrengen. Mit einer 1:09 kam ich relativ enttäuscht aus dem Wasser – ein bisschen mehr hatte ich trotz der Schwierigkeiten dann schon erwartet. Nach Auswertung meiner GPS-Daten und auch Gesprächen mit anderen Athleten vermute ich rückblickend allerdings, dass die Strecke zu lang war, was meine Zeit dann wieder etwas relativiert. GPS-Messung ist im Wasser technisch schwierig und kleinere Umwege sind im Freiwasser normal – diese sollen statistisch ca. bei 10-20% Abweichung liegen. Doch i.d.R. bin ich ein recht guter Freiwasserschwimmer und die Tatsache, dass die Meisten sich verschlechtert haben (ich kenne keinen persönlich, der sich an diesem Tage verbessert hat), lässt vermuten, dass die Annahme der zu langen Strecke stimmt; meine GPS-Messung ergab auf jeden Fall im Wasser eine Distanz von 4.1 Kilometer, also 300m über dem Soll. 

Der Wechsel auf’s Rad verlief ohne Probleme. In der ersten Runde hielt ich mich zurück – zügig, aber nicht zu schnell versuchte ich mir ein paar Reserven für Runde 2 aufzuheben. Von Überholern liess ich mich nicht verrückt machen – letztes Jahr in Lanzarote hatte ich viele gegen Ende der zweiten Disziplin wieder überholt, die vorher in einem Affenzahn an mir vorbei gebraust waren. Dieses Jahr sollte es ähnlich laufen. Die Beine waren gut, so spulte ich mein Pensum runter. Die äusseren Bedingungen waren gut: es war trocken und erst zur zweiten Runde hin frischte der Wind auf und machte uns das Leben etwas schwerer. Eigentlich ist das Teilnehmerfeld in Frankfurt gerade für das Radfahren etwas zu gross – es ist mitunter schwierig immer die vorgeschriebenen Abstände einzuhalten. Für mich ist das regelkonforme Fahren aber eine Selbstverständlichkeit, da es zu einem fairen Wettkampf einfach dazu gehört und ich nicht auf Gedeih und Verderb auf einen der vorderen Plätze aus bin, der eine Qualifikation für Hawaii bedeuten könnte. Nicht immer fahren Athleten aber so fair, so bekam ich unterwegs auch mehrere berechtigte Zeitstrafen wegen Regelverstössen mit. Im Grossen und Ganzen hatte ich jedoch den Eindruck, dass die meisten sauber zu fahren versuchten und Verstösse eher die Ausnahme blieben. Lediglich nach Frankfurt rein wurde es dann so eng, dass eine saubere Fahrweise kaum noch möglich war. Allerdings konnte man hier auch keine Zeit mehr gut machen. Diese Radstrecke gehört mit ihrem unruhigen Profil und den vielen Ortsdurchfahrten sicher nicht zu meinen Lieblingsstrecken, trotzdem lief es bei mir – im Rahmen meiner Möglichkeiten - an diesem Tage recht gut. Für die Zuschauer spektakulär ist sicher der Kopfsteinpflasterabschnitt in Maintal-Hochstadt. Viele Athleten fuhren hier unsicher hoch, suchten nach einer optimalen Linie über das Pflaster, hie und da verlor der eine auch etwas. Ich für meinen Teil suchte erst gar keine Ideallinie und bretterte zügig über das Kopfsteinpflaster, da es eine ideale Route auf Kopfsteinpflaster meiner Ansicht nach sowieso nicht gibt – etwas, das ich bei der Flandernrundfahrt gelernt hatte. Bei mir sass auch alles fest, hatte ich mein Rad vorher doch entsprechend präpariert. Vielleicht kam mir auch der nicht ganz so hohe Luftdruck in den Reifen entgegen, der das Geholper womöglich etwas erträglicher machte. Highlight für die Athleten ist auf der Radstrecke dann der Anstieg in Bad Vilbel, wo mit Abstand am meisten Zuschauer stehen und einen mit ihrer Anfeuerung nach oben peitschen. Auch heute war hier wieder gut etwas los (wobei das nicht vergleichbar ist mit dem Spektakel, dass man im fränkischen Triathlon-Mekka in Roth erleben kann). So beendete ich die zweite Disziplin nach gut fünfeinhalb Stunden relativ zufrieden mit meiner Leistung auf diesem zweiten Abschnitt. Nun folgte die ungewisse dritte Disziplin: der Marathon. 

Schon beim Verlassen der Wechselzone war mir warm – fast zu warm. Die Temperaturen waren mir mit dem Fahrtwind auf dem Rad gar nicht aufgefallen, doch hier unten am Main war mir schlagartig heiss. Das Thermometer war offenbar inzwischen über die 30 Grad-Marke geklettert und von kühlendem Wind war nur wenig zu spüren. Ich sollte mir später unterwegs noch einige Male einen leichten Nieselregen zur Abkühlung herbeiwünschen, doch solange ich unterwegs war, änderte sich nichts wesentliiches an den äusseren Bedingungen. Mein Laufstil war nicht so flüssig wie vor ein paar Wochen im Kraichgau - es wurde mir schnell klar, dass dies heute keine Bestzeit werden würde. Zumindest hielt die Sehne. Dafür merkte ich das fehlende Lauftraining durch leichte Verkrampfungen und immer schwerer werdende Beine. Ich versuchte mich aufgrund der Hitze ausreichend zu verpflegen, nahm mir an den Stationen immer viel Wasser, isotonische Getränke und Cola, so blieb ich zumindest von üblen Krämpfen verschont. Nur auf Essen hatte ich überhaupt keine Lust und beschränkte mich auf ein paar Gels unterwegs. So entwickelte sich der Marathon für mich mehr zu einem „Walk & Run“ – gelaufen wurde zwischen den Verpflegungen, während ich es dort dann jeweils ruhiger angehen liess. Im Gegensatz zu meinen letzten beiden Teilnahmen sah ich unterwegs leider weniger bekannte Gesichter. So blieb der Motivationsschub und die Ablenkung von dieser Seite eher gering. Ich spielte anstattdessen mit den anderen Zuschauern an der Strecke oder redete mit Athleten, um mich etwas von den Strapazen abzulenken, denn mit jeder Runde wurden die Beine schwerer und schwerer. Doch hatte ich mir früh ausgerechnet, wieviel Zeit ich maximal brauchen durfte, um meine Zeit von 2002 zu schlagen. Dieses Ziel trieb mich an und es kam wie so oft: die letzten Kilometer konnte ich das nahe Ziel vor Augen nochmal alle Kräfte mobilisieren und flog allen Strapazen zuvor zum Trotz förmlich dem Römerberg mit dem Zielbogen entgegen. Dann ging es ab vom Main, den blauen Teppich hinauf durch das Zuschauerspalier - vor mir tauchten der Römer und die beiden grossen Tribünen auf – rechts und links klatschte ich Hände ab – die Fotografen nahmen mich ins Visier – dann ging es durch den Zielbogen, über mir standen mein Name und meine Zielzeit – die Zeit war klar besser als 2002, mir in diesem Moment aber eigentlich sowas von egal – ich hatte es geschafft und trotz der suboptimalen Vorbereitung den Ironman geschafft – den Marathon gelaufen!!! Klar kann ich es schneller – wäre ich gerne schneller gewesen – doch das war heute nicht so wichtig, man muss sich auch mal über nicht so gute Resultate freuen können, wenn es die Umstände eben nicht viel besser zuliessen. Natürlich habe ich nach dem Rennen darüber nachgedacht, ob ich in der ein oder anderen Situation nicht vielleicht die suboptimale Vorbereitung als Ausrede für ein schwächeres Abschneiden genommen habe und mich unter Wert verkauft habe. Doch dann kamen mir wieder die anderen Athleten in den Sinn, die ich unterwegs immer wieder an Rad- und Laufstrecke erschöpft habe gehen, sitzen oder liegen sehen. Vermutlich bin ich an diesem Tage nicht wie einige von ihnen an meine Grenzen gekommen, aber schmälert das meine Leistung? Viele hätten sich diesen Marathon oder den ganzen Wettkampf mit der Vorbereitung gar nicht erst zugetraut. Eine richtig gute Zeit wäre sowieso kaum möglich gewesen und ich habe dieses Jahr noch andere Ziele, die ich nicht gefährden wollte. So kann ich mit dem Ergebnis gut leben und bin auch ein kleines bisschen stolz auf mich diese 14te Langdistanz seit 2002 so durchgezogen zu haben.

17. Juni 2014

Ein kleiner Sieg irgendwo im Mittelfeld

Am vergangenen Wochenende war Deutsche Meisterschaft auf der Triathlon Mitteldistanz (1,9-90,1-21,1) bei der Challenge Kraichgau. Ich war dabei und musste im Verlauf des Rennens lernen, dass sich eine längere Verletzung, die besonders eine der 3 Disziplinen betrifft, auch bei den anderen beiden nicht einfach so wegwischen lässt. Wegen einer Achillessehnenreizung hatte ich seit Mitte Januar kein Lauftraining mehr absolviert. Einzige nicht ganz schmerzfreie Ausnahme war meine Teilnahme an der Brocken Challenge Anfang Februar. Seither hatte ich nur noch Schwimmen und Radfahren können, beide Disziplinen auch nicht immer 100% schmerzfrei und auch nur mit einer gewissen Vorsicht, da ich die Heilung für das Training nicht zu sehr beeinträchtigen wollte. Trotzdem wähnte ich mich für diese beiden Disziplinen vor dem Rennen im Land der 1000 Hügel in guter Verfassung, Frage war nur: welche Strategie würde ich wählen? Volles Tempo auf den ersten beiden Disziplinen und dann aussteigen - wandern? Oder doch der Versuch eines halbwegs normalen Wettkampfs und beim Laufen durchbeissen so gut es geht? Ich entschied mich am Vorabend für letztere Variante. Am Morgen vor dem Rennen war ich innerlich unruhig: meine Form konnte ich nur ungefähr einschätzen und ein gewisses Risiko war ja schon dabei dieses Rennen überhaupt zu machen, schliesslich hatte ich zuletzt nicht mal mehr ein lockeres Lauftraining gewagt, um endlich gesund zu werden. Ich versuchte die Ruhe zu bewahren und liess mich dann auch am See vor dem Rennen von nichts aus der Fassung bringen. Der Start würde in Wellen in Abstand von einigen Minuten erfolgen, um das Feld etwas zu entzerren. Ich wurde nach Kriterien, die mir nicht bekannt waren, in die vorletzte Gruppe einsortiert. 

Nach der Starts der Profis und der ersten Altersklassenalthleten ging es dann auch für unsere Gruppe ins Wasser – nur noch weniger Minuten bis zum Start. Aus dem Boxen dröhnte „Eye of the tiger“ – für mich die Sporthymne schlechthin – genau das Richtige, um mich nochmal in die richtige Angriffsstimmung zu bringen. Die Morgensonne schien auf uns herab und der See war warm, eines Neoprenkälteschutzanzugs hätte es meines Erachtens bei dieser Temperatur nicht bedurft. Nach kurzem Einschwimmen pochte ein Pulsschlag aus dem Boxen am Ufer, dann der Anfang von „Hells Bells“ und der traditionell ohrenbetäubende Startschuss. Für die aussenstehenden Zuschauer begannt das Wasser nun vermutlich optisch an zu brodeln – so ein Schwimmstart ist nie so ganz ohne, man muss ständig auf der Hut sein und immer mit dem ein oder anderen Schlag rechnen. Auch dieses Jahr blieb ich nicht ganz verschont, doch lief es im Vergleich zu den Vorjahren weitgehend glimpflich ab. Vielleicht lag das daran, dass ich nicht immer die Ideallinie wählte, sondern mich eher am Rande des Felds aufhielt. Dafür schlug ich dort aber ein für mich recht forsches Tempo an. Weiterer Nachteil dieses Weges war, dass ich nur selten den Wasserschatten eines Vordermanns nutzen konnte, doch letztendlich wollte ich ja mich testen und nicht gewinnen. Wie im Schwimmtraining merkte ich heute meinen verletzten Fuss, doch zum Glück schmerzte er nicht zu sehr. Im Wettkampftrubel war der Schmerz auch schnell verdrängt. Nach 32:05 Minuten entstieg ich dem lauwarmen Wasser des Badesees. Die ersten Schritte das Ufer hinauf waren furchtbar – meine Sehne erschien mir auf den ersten Schritten schwach und der Körper unter meinem Gewicht wegzusacken. Ich konnte mich fangen, griff meinen Wechselbeutel und setze mich erstmal auf eine Bank, um aus den Schwimmsachen und die Radsachen zu wechseln. Denn griff ich in weniger Hektik als sonst mein Rad und machte mich auf zur 2. Disziplin – die Schritte in den Radschuhen heraus aus der Wechselzone liefen schon deutlich besser als zuvor. 

Auf dem ersten Kilometer versuchte ich langsam in meinem Rhythmus zu finden. Ich war mir nicht sicher, wie ich die 90,1 km im Wettkampftempo schaffen würde, war ich doch wegen der Verletzung zuletzt keine ganz so langen Trainingsrunden mehr gefahren. Der Wind war heute Morgen nicht ohne und es wurde wärmer - das würde so oder so eine harte Tour werden! Noch einmal überlegte ich kurz, ob ich nicht doch härter auf Anschlag fahren sollte. Doch mit der Vorstellung womöglich erst ein hartes Radfahren und danach ganz sicher nochmal einen sehr harten Halbmarathon zu haben, konnte ich mich nicht anfreunden, das Risiko auch in Hinblick auf einer Verschlimmerung meiner Verletzung schien mir zu gross. So spulte ich meine Kilometer in normalem Tempo ab und liess mich auch nicht von überholenden Radfahrern zu einem schnellerem Tempo verleiten. „Normales Tempo“ ist relativ – manch einer wäre froh, wenn er so eine schwere Strecke mit einem Schnitt von über 30 km/h fahren könnte. Ich war zufrieden und genehmigte mir nebenbei auch immer wieder mal einen Blick in die Landschaft. Zwar war die Strecke für mich nicht neu, doch irgendwie erschien es mir heute Morgen besonders schön über die Kraichgau-Hügel zu fliegen. Am Rand der Strecke immer wieder kleine Kunstwerke aus Heuballen oder Schilder zu Anfeuerung. Nun bin ich sicher kein grosser Abfahrer, doch habe ich mich in letzter Zeit um einiges verbessert. Leider bekam ich jetzt einen Nachteil meiner hinteren Startgruppe zu spüren – auf den schnelleren Abfahrten wurde ich mehrfach von vorsichtigeren Abfahren ausgebremst. Vielleicht hätte ich mit etwas mehr Risiko auch an ihnen vorbrettern können, doch nur zu gut weiss ich wie ich selbst dieses riskante Abfahren anderer Athleten hasse, so blieb ich meist hinter ihnen zurück und nahm den Zeitverlust in Kauf. Mitunter waren die Bremsmanöver für mich aber auch nicht ganz einfach – vermutlich muss ich noch etwas daran arbeiten einen guten Mittelweg finden, um solche langsameren Abfahrer doch auch mal zu überholen. Während ich in der ersten Hälfte der grossen Radrunde wie viele mit den Anstiegen zu kämpfen hatte, lief es im zweiten Teil deutlich besser. Die Anstiege hinter Menzingen und den Schindelberg flog ich im Vergleich zu meinem Mitstreitern förmlich hinauf, wobei sich das im Resultat der Bergwertung leider nicht wiederspiegelt. Ich kann mir das nur so erklären, dass zu dieser Ziel viele der schnelleren Radfahrer schon vor mir gewesen sein müssen. Auf dem letzten flachen Stück nach Östringen versuchte ich mich nochmal zu verpflegen – aus Gewohnheit weiss ich, dass auf der Laufstrecke damit mir immer etwas schwer tue. Nach 2:59:37 Stunden erreichte ich die 2. Wechselzone in Bad Schönborn.

Zielbereich einen Tag vor dem Start
Somit war die Pflicht geschafft, nun folgte der unsicherer Teil .. über ein halbes Jahr kein Lauftraining mehr und jetzt aus dem Stand ein Halbmarathon! Aber ich wollte es zumindest versuchen – einfach nur laufen, laufen und immer weiter laufen. Denn wenn ich erstmal unterwegs anfangen würde zu gehen, dann würde es schwer werden .. verdammt schwer. Zuerst musste aber mein Fuss mitspielen. Würde er das nach der kleinen Schrecksekunde heute Morgen nach dem Schwimmen? Die ersten Schritte in den Laufschuhen waren ungewohnt und unsicher. Ich versuchte halbwegs sauber zu laufen. Zu Beginn geht es erstmal leicht den Hügel runter, das kam mir entgegen, weil ich mich nicht zusätzlich anstrengen mssute und erstmal auf den Laufstil konzentrieren konnte. Der Fuss hielt. Nach dem ersten Kilometer geht es dann im Kurpark ein paar Höhenmeter hinauf. Wie tat ich mir hier schwer – und das ich als Bergläufer! Doch wo ein Berg ist, da geht es auch wieder irgendwo bergab und ich konnte mich zumindest kurzzeitig wieder fangen. So zogen sich die ersten Kilometer wie Kaugummi. Leider ist die Laufstrecke selten flach und gerade und so musste ich lernen mit den ständigen Tempo-, Profil- und Richtungswechseln zurecht zu kommen. Die Kilometerschilder am Rande waren zu Beginn recht demoralisierend, standen doch auch die Kilometerangaben für die jeweilige Stelle in den folgenden beiden Runden darauf. Diese Kilometerzahlen waren für mich gerade unvorstellbar. Doch mit der Zeit lernte ich die Schilder anders zu lesen. Irgendwann interessierten mich die anderen Zahlen nicht mehr und für mich zählte nur noch die gerade relevante Zahl – ich war also ohne Lauftraining 5 Kilometer gelaufen .. 6 Kilometer .. 9 Kilometer am Stück! .. 11! .. 15 Kilometer gelaufen ohne grosse Gehpause! .. die Zahlen wuchsen und ich näherte mich meinem Ziel. Ich war sooo dankbar für jeden gelaufenen KIlomter! Langsam wurden die Beine aber auch steifer und meine Bewegungen unrunder, doch ich versuchte den Motor am laufen zu halten. Wenn ich jetzt anfangen würde zu gehen, dann würden die letzten Kilometer unendlich lang werden. Meine Sehne spielte immer noch mit – wenn sie mitspielte, dann konnte ich jetzt nicht nachlassen. Die Laufzeit würde nicht gut werden, aber ich könnte beim Halbmarathon unter 2 Stunden bleiben und wäre ohne Training ausser an den Verpflegungen durchgehend gelaufen! Ich unterhielt mich unterwegs mit anderen Athleten, scherzte und lenkte mich ab. Ich überlegte mir sogar gegen Ende etwas zu beschleunigen und ab wo ich das wagen könnte. Dann kam das letzte Kilometerschild. So ganz konnte ich dem Schild nichg glauben – dieser letzte Kilometer müsste nach meiner Schätzung wesentlich länger als 1000m sein! Aber sei es drum – was zählte war, dass ich das fast für unmöglich geglaubte geschafft hatte und ankommen würde – laufender Weise! Kein Humpeln, keine Schmerzen in der Sehne, nur ein bisschen steife Beine. Dann der Zieleinlauf im Stadionrund. Ich versuchte die Hände der Leute an der Balustrade abzuklatschen, doch offenbar waren die Zuschauer hier heute nicht darauf eingestellt. Dann nach einem Halbmarathon in 1:57:41 Stunden der finale Schritt durch das Zieltor. Mit einer Gesamtzeit von 5:35:45 Stunden konnte ich dem Gründer der Veranstaltung die Hand schütteln und nahm die Medaille entgegen – ich war nicht wirklich fertig, aber so dankbar hier heute angekommen zu sein. Und richtig stolz auf diese Medaille, selbst wenn ich schon deutlich schneller unterwegs war. 

Etwas später beim Blick auf die nackten Zahlen meines Ergebnisses empfand ich kurz doch etwas Enttäuschung darüber, dass ich auf dem Rad und beim Schwimmen nicht noch besser gewesen war. Doch wenn man die Vorbereitung betrachtet und sieht, dass ich eben nicht voll trainieren konnte, leichte Schmerzen beim Schwimmen hatte und auch auf dem Rad vorsichtig agieren musste, dann geht das Ergebnis eigentlich voll in Ordnung. Von dem Lauf muss man nicht sprechen: das geht gesund natürlich wesentlich schneller, aber ohne Vorbereitung und immer noch angeschlagen, war das ein Hammerlauf! Von der Platzierung gesamt bin ich im Mittelfeld gelandet (869. von 1569 Männern/ 131 in M40/ 759. in der Wertung der Deutschen Meisterschaft) - was soll man sich bei solchen Rahmenbedingungen da noch beschweren? Die Organisation des Rennens war trotz einiger Wechsel im Orgateam wiedermal auf hohem Niveau. Warum der Busshuttle mich und einige andere nicht zurück an den See bringen wollte, habe ich nicht näher hinterfragt und das einfach als Auflockerung der Beine angesehen, deshalb will ich das nicht weiter kommentieren. Und ich hoffe mal, dass ich nächstes Mal wieder etwas weiter vorne starten kann und dann nicht mehr so häufig unterwegs ausgebremst werde. Der Kraichgau hat sich an diesem Tage auf jeden Fall von einer seiner schönsten Seiten gezeigt. Und der Sehne .. der geht es 2 Tage nach dem Rennen sehr gut. So wie es aussieht, kann ich bald wieder vernünftig laufen, doch jetzt bloss nichts überstürzen!

29. Mai 2014

Erdbeer & Ananas Smootie

Erdbeer-Ananas-Smootie
Ananas soll entzüngshemmend sein. Was liegt näher als sich mit der aktuellen Verletzung mal einen neuen passenden Smootie zu mixen?

Zusätzlich zur Ananas habe ich passend zur aktuellen Saison frische Erdbeeren genommen. Wenn ich vorher nicht so viele der leckeren Beeren weggeputzt hätte, hätte der Drink sicher noch ein tieferes Rot bekommen. Lecker war er trotzdem.

Zutaten:
  • 200 g Erdbeeren 
  • 1/2 Ananas 
  • 200 ml Eiswasser
  • 1/2 Zitronensaft

Auf dem Foto ist natürlich nur eine Untermenge der oben angegebenen Mengenangaben. Die Früchte vorher alle gut waschen!

22. Mai 2014

Eisenmann zwischen Pathos, Glauben und Erleben

Drüben über dem grossen Teich, haben sie das Spiel mit dem Pathos gut drauf. Für uns Europäer mag das manchmal etwas übertrieben wirken, doch letztendlich werden damit Emotionen angesprochen. Emotionen, die man als unbeteiligter Betrachter nicht empfinden muss. Doch wenn man zumindest einmal hier emotional betroffen war, dann können diese Gefühle schnell wieder hervorgeholt werden. Inzwischen habe ich 13 Triathlon Langdistanzen gefinisht. Der erste "Ironman"-Langdistanz-Triathlon fand 1978 auf Hawaii statt. Inzwischen finden auf der ganzen Welt vergleichbare Wettkämpfe unter dem kommerziellen Ironman-Label wie auch unter anderen Namen und Serien statt. Unter dem Label Ironman laufen inzwischen auch noch kürzere Distanzen. Ich selbst kümmere mich wenig um ein Label - mein Lieblingsrennen ist bekanntlich das zur (ebenfalls privaten) "Challenge"-Serie gehörende in Roth bei Nürnberg. Unter dem "Ironman"-Label bin ich bis dato bei den folgenden Rennen unterwegs gewesen: Frankfurt, Klagenfurt (Österreich), Zürich (Schweiz), Lanzarote (Spanien), Cozumel (Mexiko), Sherborne Castle (Grossbritannien) und Antwerpen (Belgien). Egal ob "Ironman" oder ein anderer Triathlon, ob Langdistanz oder kürzer: die Kombination der 3 Volkssportarten Schwimmen, Radfahren und Laufen in einem Rennen hat schon etwas Besonderes. Und JEDER, der sich überwindet, dieser Aufgabe stellt, kann sich im Ziel als ein Sieger fühlen. Vielleicht ist es das, was mich seit nunmehr 12 Jahren immer noch an diesen Sport bindet, mich weiterhin gerne bei solchen Rennen starten lässt. Jedes Mal frage ich mich vorher auf's Neue, ob ich das Rennen nochmal ordentlich schaffen kann. Oft stelle ich dann fest, man muss nur fest dran glauben, denn "anything is possible!"

11. April 2014

Bundesliga oder Laufen gehen?

Hier ein wie ich finde treffendes Zitat zum Thema Laufen von Joe, einem befreundeten Ultraläufer:

"Warum ich laufe? dazu Zitat aus meinem Bericht über die 235 km durch Kambotscha: Warum? Weil ich es kann. Ein Tag vor der Glotze bei Tatort und Bundesliga ist morgen schon aus deiner Lebenslinie getilgt, vergessen. 24 Stunden deines Lebens sind vernichtet. Deine Enkel werden dich nie fragen, wer der Mörder bei welchem Tatort war, wer das Supertalent 2012 war, oder wer das Tor gegen Werder geschossen hat. Aus, weg, vorbei. Du vernichtest dein eigenes Leben auf dem Sofa, oder beim Sonntagsbrunch mit deinen Schwiegereltern, bist Mörder deiner eigenen Dreamline, weil dir dein Fettarsch lieber ist als die Eroberung einer Zeitlinie."
(siehe http://www.trailrunning.de/laufberichte/the-ancient-khmer-path/the-ancient-khmer-path/1934/1)
Das kann man natürlich auch auf jede andere Sportart übertragen. Also raus mit Euch - bewegt Euch!!!

2. April 2014

How To Be An Ultra Runner

Das Video heute ist für Britta und alle anderen, die mal Ultraläufer werden wollen.

17. Februar 2014

Überwindung am Brocken

Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, befreit der Mensch sich, der sich überwindet. 
(J. W. v. Goethe) 

Seit Mitte Dezember mache ich nun schon mit einer Entzündung im Sprunggelenk herum. Seither habe ich sämtliche Rennen verworfen oder abgesagt und mich anstatt dessen primär mit Radfahren und Schwimmen fit gehalten. Aber natürlich kann keine dieser Sportarten vollständig den Bewegungsablauf und Trainingseffekt eines schönen längeren Laufs ersetzen. Als erstes Saisonhighlight für dieses Jahr 2014 rückte derweil der Wohltätigkeitsultramarathon von Göttingen auf den Gipfel des Brocken – die Brocken Challenge – immer näher, ohne dass es mit dem Sprunggelenk signifikant besser wurde. 2 Wochen vor der Challenge sagte ich deshalb sogar noch den Traditionslauf im Rodgau ab. Fast täglich wechselte mein Gefühl im Fuss von „kaum mehr Schmerzen“ bis „ziemlich übel“. Nun habe ich inzwischen schon eine recht lange Ausdauersport- und Ultralauferfahrung. Dabei entwickelt man zwangsläufig ein Gefühl für den eigenen Körper und lernt einzuschätzen, was möglich ist und was nicht. Rein nüchtern betrachtet hätte ich jedem Neuling, mit einer solchen körperlichen- und Trainingssituation geraten bei der Challenge nicht zu starten. Doch mein Gefühl und meine Erfahrung sagten mir, dass es klappen könnte. Mit den Alternativsportarten hatte ich mich halbwegs fit gehalten und zumindest bei kürzeren Testläufen merkte ich nichts vom Fuss. Mein Leitmotiv ist „Distanz ist das, was der Kopf daraus macht“. Und mein Kopf sagte mir, dass ich es schaffen würde. Mein Gefühl ebenso. Zumindest versuchen würde ich es – sollte es Probleme geben, würde ich nicht den Helden spielen und einfach an einer Verpflegung aussteigen, dann hätte ich es aber zumindest versucht. Bliebe noch der Faktor Wetter, der gerade in so angeschlagenem Zustand, eine nicht uninteressante Rolle spielt. Hier kam mir der milde Winter deutlich entgegen, da wir über einen Grossteil der 80 Kilometer meist gute Bodenverhältnisse hatten und es bis auf den Schneefall am Brocken auch recht trocken blieb. Mit Wind komme ich ja bekanntlich recht gut zurecht. Etwas Demut gegenüber der Strecke war also angebracht, Training wird meist überbewertet. 

Sonnenaufgang am Seeburger See
Der Brocken Challenge hat sich in den letzten Jahren zu einem Kultlauf entwickelt. Es gibt viele Wiederholungstäter. Irgendwas musste dieser Lauf also haben, was ihn besonders macht. Und die Vorbesprechung im Vorlesungssaal des Sportinstituts in Göttingen war schon recht ungewöhnlich. Zu Beginn wurden Bilder der letzten Austragungen gezeigt, untermalt von Gitarrenklängen und einem live im Saal gespielten Didgeridoo. Nach den einleitenden Worten wurde die einzelnen Helfer an den Stationen vorgestellt. Das aheb ich auch noch nicht erlebt, aber eine nette Geste wie ich finde. Und so viel kann ich schon vorweg nehmen, dass die Helfer am Renntag einen super Job gemacht haben! Selten habe ich so viel freundliche, hilfsbereite Helfer erlebt, die uns Läufer an so reichhaltig ausgestatteten Stationen empfangen haben – und das im kalten Februar! Dann wurde noch die Strecke mit ihren Tücken vorgestellt, ein paar organisatorische Fragen geklärt und zum Abschluss gab es noch eine kleine Verlosung von gestifteten Startplätzen für andere Veranstaltungen und Ausrüstung, die andere Veranstalter und Sponsoren zur Verfügung gestellt hatten. Zur Unterbringung hatte ich mich wie die meisten Teilnehmer in einem der vom Orgateam gebuchten Herbergen nach dem Start einquartiert. So blieb noch Zeit für einem netten Plausch beim gemütlichen Abendessen mit alten und neuen Bekannten. Um 5 Uhr morgens gab es nach einer kurzen Nacht dann unweit von meiner Herberge Frühstück im „Alten Tanzsaal“ direkt am Start. 

Erste Ausläufer des Harz
6 Uhr war Start: „lasst uns den Brocken rocken!“ Die Strecke war auf dem ersten Teil mit kleinen Fackeln markiert – ein Verlaufen war so fast unmöglich. Mit Ausnahme von einigen mehr oder minder grossen Hügeln ging es auf den ersten Kilometern verhältnismässig flach dahin – die meisten Höhenmeter warteten erst im hinteren Teil auf uns. Bei mir lief es relativ gut: den Fuss merkte ich kaum, nur der Trainingsrückstand machte sich bemerkbar .. oder war es die frühe Startzeit 6 Uhr morgens? Normalerweise bin ich ja eher ein Abendläufer. Schon bei der ersten Verpflegung (noch im Dunkeln) wurde klar, warum dieser Lauf bzgl. seiner Orga einen so guten Ruf geniesst – hier blieben kaum Wünsche offen. Die Krönung war ein leckerer Käsekuchen, den ich jedoch als grosser Käsekuchenfan nach dem ebenfalls leckeren Frühstück nun einfach nicht mehr essen konnte. So setzte ich meinen Weg nach einer kurzen Trinkpause flott fort. Unterwegs blieb immer mal wieder etwas Zeit für ein kurzes Gespräch mit den jeweiligen Begleitern. Viel los war zu so früher Stunde noch nicht. Über die Ortschaften Mackenrode, Landolfshausen und die Seulinger Warte kamen wir zum Seeburger See. Inzwischen dämmerte es und es bot sich uns ein farbenprächtiger Sonnenaufgang am noch recht klaren Morgenhimmel. So langsam wurde das Harzvorland hinter dem See auch etwas hügeliger. Über den Hellberg mit der Tilly-Eiche und die Rhumequelle kamen wir zur Marathonmarke nach Barbis. Bis hierhin lief noch alles bestens. Ich hatte mein Tempo gefunden und versuchte effiziert zu laufen – also ohne unnötige und zu frühe Anstrengung. Wenn es doch mal mühsam wurde, versuchte ich positiv zu denken. Mir war klar, dass primär der Kopf darüber entscheiden würde, ob ich heute ankommen würde oder nicht. Jetzt hinter Barbis kam der berühmtberüchtigte „Entsafter“: ein langer Anstieg durch das Steinaer Tal in den Harz. In derBesprechungen hatten sie uns noch gewarnt: „Das ist nicht einfach ein Halbmarathon, statistisch betrachtet brauchen die meisten Challenger hierfür drei bis dreieineinhalb Stunden.“
Auf dem "Entsafter"
Irgendwie hatte ich erst später mit dem Abschnitt gerechnet, so wurde mir erst weiter oben klar, dass wir nun auf diesem entscheidenden Abschnitt waren. Wie von den Veranstalter vorhergesagt, wurde es hier mit den Getränken knapp. Bei Aufstieg musste man häufiger trinken und wegen der schlechten Erreichbarkeit gab es hier nur eine kleinere Verpflegung. Doch bei den heutigen recht guten Bodenverhältnissen war der "Entsafter" gut machbar. So langsam tauchten auch die ersten grösseren Schneefelder am Streckenrand auf. Oben, hinter der Verpflegung am Jagdkopf, war auf den schneebedeckten Wegen dann Trittsicherheit gefragt; die ersten legten dort ihre Schneeketten an. Es boten sich zwischendurch ein paar schöne Ausblicke in den Harz, auf den Oderstausee und sogar in Richtung des Brocken. Im Naturpark gab es leider keine Wegmarkierungen der Challenge mehr, da diese von der Naturparkbehörde nicht genehmigt worden waren. So orientierten wir uns an den normalen Wegmarkierungen oder manch einem an den GPS-Tracks.
Blick auf Harz mit dem Oderstausee
Vor Oderbrück war ein Abzweig, auf den wir vorher besonders aufmerksam gemacht wurden. Ich war zu diesem Zeitpunkt alleine und glaubte ihn richtig zu nehmen, war in Folge dann aber doch unsicher, da die Wege und Schilder nicht eindeutig waren und ausserdem weder vor noch hinter mir irgendwelche Läufer zu sehen waren. Spuren gab es viele in viele Richtungen und es waren auch keine Spaziergänger in der Nähe, die man hätte fragen können. Ich traf nach einiger Zeit auf ein paar Häuser und hoffte, dass es Oderbrück sein würde. Aus einem Gebüsch an der Seite kam ein Läufer und fragte mich nach dem Weg – offenbar hatte auch er die Orientierung verloren. Zum Glück konnte ich ca. 200 entfernt ein Schild sehen, dass auf die nächste Verpflegung hinwies – wir waren also richtig. Hinter der Station begann der letzten Anstieg hoch zum Brockengipfel nun waren es „nur“ noch knapp 8 km mit rund 350 Höhenmetern. Hier machte der Naturpark seinem Namen alle Ehre. Fast urwaldartig lag die Natur rechts und links des Weges. Teils waren Sturmschäden zu erkennen. Auf dem Weg hier traf man nun häufiger auf Wanderer. Weiter oben kamen wir dann an die Trasse der Brockenbahn – eine alte Schmalspurbahn mit Dampflok, die hier regelmässig fährt. Leider sollte ich die Bahn nur zu hören, aber nicht zu sehen bekommen.
Schneetreiben beim Aufstieg
Inzwischen hatte es nämlich angefangen zu schneien und der Nebel wurde nach oben immer dichter – das Wetter am Brocken ist fast schon legendär. In Wikipedia steht: „Der Brocken ist ein Ort extremer Wetterbedingungen. Aufgrund der exponierten Lage im Norden Deutschlands liegt sein Gipfel oberhalb der natürlichen Waldgrenze. Das Klima auf dem Brocken entspricht aufgrund des kurzen Sommers und sehr langen Winters, der vielen Monate mit geschlossener Schneedecke, der schweren Stürme und niedrigen Temperaturen selbst im Sommer einer alpinen Lage in 1.600–2.200 m Höhe beziehungsweise dem Klima Islands.“ Es wurde wirklich mühsam. Ein Wanderer fragte mich „wie fühlst Du Dich?“ Ich war glücklich, dass ich es bis hier hin geschafft hatte, dass mein Fuss nicht geschmerzt hatte und antwortete, dass ich einfach nur froh war hier zu sein. Nie hatte ich daran gezweifelt, aber in Anbetracht der Vorbereitung war es echt verrückt! Ein wenig musste ich auch über mich Schmunzeln – während des Rennens merkte ich mehrfach wie sehr das letzte Jahr und insbesondere der Ultratrail du Mont Blanc mich geprägt hatten. Mit einer nie vorher da gewesenen Sicherheit war ich heute unterwegs und wusste immer, dass ich auch dieses Rennen zu einem erfolgreichen Abschluss bringen könnte. Das war keine Überheblichkeit, sondern ein tiefes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Auch das eine Form von „Glück“, die ich hier empfand. Als ich auf den letzten Metern hoch zur Station war, wurde das Wetter immer ungemütlicher: der kalte Wind bliess mir in starken Böen den Schnee direkt ins Gesicht. Am Ziel konnte ich wegen der Schneeböen keine 15 Meter mehr weit sehen, ein paar Gestalten bewegten sich hier oben herum, aber ich konnte beim besten Willen nicht mehr erkennen, ob das Läufer oder Wanderer waren; so lief ich lief dem Applaus und den Rufen von einigen entgegen. Dann das Finish, Gratulationen. Ich bat zu guter Letzt um ein Zielfoto, das aber nur schlecht gelang, da sich gleich Schnee auf das Objektiv der Kamera geblasen wurde. Eine Helferin führte mich nach drinnen. Als ich den Saal betrat, applaudierten mir alle Anwesenden (wie übrigens auch allen, die später noch kommen sollten). Was für eine tolle Geste – das ist Ultramarathon: hier zählt weniger die Platzierung als das Ankommen und das gemeinsame Erlebnis! Eine warme Dusche und ein leckeres Essen mit ein paar schönen Unterhaltungen warteten auch mich, dann ging es gen Abend wieder zurück gen Göppingen.
Gipfelturm

Der Brocken Challenge war für mich wirklich eine Herausforderung: aufgrund der Verletzung und der damit einhergehenden suboptimalen Vorbereitung, war das ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Doch meine Erfahrung und mein Gefühl gaben mir recht und es klappte besser, als ich vorher erwartet hatte. Gegen Ende wanderte ich bergauf mehr als dass ich noch lief, aber das war in Anbetracht der Umstände so in Ordnung. Die Challenge ist auf jeden Fall eine tolle Veranstaltung. Fast schade, dass hier aufgrund der Durchquerung des Naturparks nicht mehr Läufer zugelassen werden können. Auf der anderen Seite bewahrt diese Kontingentierung aber vielleicht den familiären Charakter und die Freundlichkeit der Veranstaltung. Sicher gibt es schönere, spektakulärere Ultramarathons. Doch bei so viel Gastfreundlichkeit und Charme kommt man als Läufer gerne hierhin wieder zurück. Zumal man hier mit dem Laufen bzw. dem Startgeld auch etwas für einen guten Zweck tun kann.

27. Oktober 2013

"Das Grauen hat einen Namen: Himmelsleiter"

So der Kommentar eines befreundeten Läufers nach dem heutigen Trailmarathon in Heidelberg. Der erste Marathon in meiner Heimatstadt .. und dann auch noch mit Trails .. da durfte ich natürlich nicht fehlen.

Die Wettervorhersagen waren furchteinflössend. Doch nach einem nächtlichen Gewitter meinte es Petrus gut mit uns: fast optimales Laufwetter - ein bisschen Schnee gab es auch, doch dazu gleich mehr.
Die ersten Kilometer durch die Heidelberger Altstadt bis zur Alten Brücke legte ich eine flotte Sohle hin, da ich auf der engen Rampe in der Hirschgasse nicht im Stau stehen wollte. Das klappte sehr gut. Danach nahm ich etwas die Intensität heraus, weil mir klar war, dass ich meine Körner noch für die weiteren Berge brauchen würde. Es lief daraufhin erst mal recht gut .. so gut man das bergauf einschätzen kann. Auf dem ersten Bergabtrail am Heiligenberg liess ich es dann kurz flotter laufen und liess prompt einige Läufer mit erstaunten Blicken hinter mir. Etwas weiter am hohen Nistler gab es gleich die Bestätigung von einem anderen Athleten, dass bei mir bergab ja kaum ein Hinterherkommen möglich wäre und es dann sehr mühsam wäre, sich bergauf wieder heran zu arbeiten. Schönes Kompliment, doch bei dem nächsten Aufstieg wurde mir schnell klar, dass meine Reserven heute für kein herausragendes Ergebnis mehr reichen würden - ich mutmasste, dass es nach der Neckarüberquerung am letzten Berg in Schlierbach für mich sehr schwer werden würde. Kurz nach dem Weissen Stein gab es eine kurze Schrecksekunde: nach einer Unachtsamkeit gab es den inzwischen fast schon obligatorischen Sturz. Doch gekonnt mit einer Rolle vorwärts abgefangen, ist nichts passiert. Die nächsten Kilometer spulte ich in Ruhe in meinem Tempo runter und liess mich auch nicht von Unebenheiten oder überholenden Läufern - vermutlich zum Grossteil Staffeln - verrückt machen. Dann kam die Brücke. Wie vorhergesagt wurde es in der nun folgenden Steigung hart - zwischenzeitlich war es mehr Speedhiking als Laufen. Etwas deprimierend, wenn ich an die letzten Trainingseinheiten hier denke, wo alles noch gut lief. Vielleicht hatte ich vorher etwas zu wenig Elektrolyte getrunken, doch leider gab es auf dem Weg bis zum Königstuhl nur eine Station mit Wasser. Der Weg zog sich. Plötzlich hörte ich hinter mir nur ein "oh weh". Ich fragte war los war, doch dann sah ich den Grund: vor uns kam die Himmelsleiter. Mir ging es inzwischen immer schlechter und jetzt wurde mir auch noch übel. Zweimal musste ich an der Seite anhalten und mich kurz sammeln. Irgendwann hat alles ein Ende und nach einer gefühlten Ewigkeit kam ich oben an der Aussichtplattform an. Hier hatte man doch tatsächlich Schnee hingekippt! Zwar konnte man darauf nur schlecht laufen, doch ich fand es witzig. Jetzt ging es sowieso nur noch um den Spass und das Ankommen. Jetzt bekam ich endlich mein Iso und eine Cola genehmigte ich mir auch. Sofort ging es mir wieder besser und das war gut so, denn nun musste ich mich konzentrieren. Auf diesen  folgenden Abschnitt hinunter nach Heidelberg hatte ich mich die ganze Zeit gefreut. Was nun folgte war ein Downhillgeschwindigkeitsrausch sondergleichen - in den technischen Trails konnte ich endlich meine ganze Erfahrung ausspielen. Ich kann mich nicht erinnern, dass in den technischen Abschnitten jemand an mir vorbeizog - vielleicht ein oder zwei frische Staffelläufer, aber das war es dann auch.  Auf einem kleinen Zwischenanstieg hatte ich zwar nochmal leichte Schwierigkeiten, aber dann ging es wieder in Highspeed über Molkenkur und Schloss hinunter in die Altstadt. Am Schloss wurde es richtig böig und ich fand mich kurzerhand in einer Wolke aufgewehter Blätter wieder. In der Hauptstrasse genoss ich die letzten Meter dann nur noch und liess es bis ins Ziel ausrollen. 

Am Ende kam mit einer Zeit von 4:15 Std. ein 118. Platz von 660 Männern (25. von 112 in meiner Altersklasse) heraus. Eigentlich wollte mehr erreichen. Doch heute war nach der langen Saison einfach nicht mehr drin und das ist ok so - ich hatte auf jeden Fall viel Spass. Und auf jeden Fall war es ein herrlicher Saisonabschluss. Dank allen, die uns unterwegs angefeuert haben! Danke auch an das ganze Orgateam - es gibt noch Verbesserungspotential, aber das war eine super Premiere - Fortsetzung erwünscht!

17. Oktober 2013

Vom Mont Blanc zum Matterhorn

Inzwischen hat der jährliche Mountainbike-Alpencross schon Tradition. Nachdem uns die Routen in den Ostalpen inzwischen schon wohlbekannt sind, ging es dieses Jahr erstmals in die Westalpen. Genaugenommen war es diesmal allerdings weniger ein „Alpencross“ als vielmehr eine „-querung“. Passend zu meinem grossen Ziel dem UTMB startete die Tour in Les Houches am Mont Blanc, führte um den Berg herum und zweigte dann im Aosta-Tal gen Osten zum Matterhorn ab. So hatte ich die Möglichkeit einige der Wege, die ich einen Monat später laufen sollte, schon mal mit dem Bike zu erkunden. Natürlich hatte ich wieder meine 2 Kameras dabei, um ein paar Momente dieser MTB-Tour um Mont Blanc und Matterhorn festzuhalten. Leider sind besonders die Abfahrten etwas verwackelt, doch ein schöner Rückblick für die Erinnerung ist es allemal.


Mont Blanc - Matterhorn von ironschoch

6. Oktober 2013

Schlammschlacht im Leiningerland

Seit dem Ultratrail du Mont Blanc musste ich kürzer treten - den umgeknickten Fuss merkte ich recht lange. Das heisst nicht, dass ich gar nicht laufen konnte, doch schwierige Trails waren eher die Ausnahme - bloss nichts riskieren! Und auch die Distanzen habe ich runtergefahren. Nach all den Ultraläufen dieses Jahr war es sowieso mal wieder an der Zeit etwas für die Geschwindigkeit zu tun. Nun war ich zwar beim Allgäu Panorama Marathon recht gut unterwegs, doch richtig kurz und schnell war der ja nun auch nicht. Nachdem ich diese Woche 2 schöne Trainingsläufe in schwierigem alpinem Gelände ohne Schmerzen absolviert hatte, juckte es mich nun meinen Fuss und meine Form in einem Rennen auszutesten. Sehr kurzfristig ergab sich die Möglichkeit beim Pfalztrail zu starten. Letztes Jahr war ich nicht sonderlich begeistert von der Strecke, doch der Veranstalter hatte auf die Kritik der Läufer reagiert, die Strecken zu diesem Jahr modifiziert und versprach einen höheren Trailanteil. Ich entschloss mich auf der 32,4 langen Strecke zu starten - dem sogenannten "Half-Trail". Und um das vorwegzunehmen muss ich dem Veranstalter diesmal bzgl. der Strecke ein grosses Lob aussprechen: die Strecke war dieses Jahr deutlich interessanter, technischer und abwechslungsreicher - so macht Trailrunning Spass!!! 

Leider war das Wetter alles andere als einladend. Morgens fuhr ich schon im Dauerregen hinüber in die Pfalz - ein wenig musste ich mit mir kämpfen, bei diesem Sauwetter wirklich zu starten. Zumal die Bodenverhältnisse sicher entsprechend schwierig werden würden und ich etwas Angst hatte zu stürzen. Doch ich war auf die neue Strecke gespannt und ein Lauf im Wettkampftempo passte gut in meinen Plan. Im Vorfeld wurde es mit der Nachmeldung etwas hektisch, da mein Parkplatz recht weit weg vom Start-Zielbereich mit Anmeldung war. Doch ich schaffte es gerade noch rechtzeitig zum Startschuss in das Läuferfeld. Aus dem hinteren Mittelfeld arbeitete ich mich sukzessive nach vorne. Ich versuchte das Ganze locker anzugehen, doch um mich herum dünnte das Feld immer weiter aus und bald war ich mit wenigen Läufern wohl recht weit vorne unterwegs. Mit dem matschigen und rutschigen Untergrund war ein schnelles Laufen nicht gerade einfach, doch genau das machte mir ziemlich Spass. Kurz vor der Burg Battenberg gab es eine erste Schrecksekunde, als ich nach einer rutschigem Downhill ohne Vordermann in einer Kurve erst in die falsche Richtung einbog und voll in die Banderole rannte. Schnell war ich wieder richtig unterwegs - gejagt von 3 Verfolgern, die ich kurz zuvor erst überholt hatte. Ein bisschen hatte mich das aus dem Konzept gebracht und die Schuhe hatten auf diesem äusserst matschigen Untergrund kaum mehr Grip. So passierte, was passieren musste: wenige Schritte später rutschte ich weg und landete mit meiner Vorderseite im frontal Modder. Es war zum Glück verletzungsmässig nichts passiert. Also ging es gleich weiter. Nur etwas vorsichtiger, da meine Schuhe noch keinen richtigen Grip hatten. Mein 3 Verfolger nutzen die Chance und zogen an mir vorbei, doch ärgerte mich zwar, aber war im Moment nicht zu ändern. Ich sah derweil aus wie ein braunes, rennendes Schokoladenmännchen. Was ich leider in der Hektik und vor lauter Schlamm nicht bemerkt hatte war, dass ich bei dem Sturz meine Startnummer verloren hatte. Das merkte ich erst an der nächsten Verpflegung, als man mich nach der Startnummer fragte. Ich konnte das Rennen trotzdem fortsetzen, musste lediglich an den Kontrollstellen meinen Namen mitteilen. Ein wenig nagte das an meiner Moral, denn ich wusste nicht, ob ich letztendlich in der Ergebnisliste auftauchen würde. Doch ich versuchte das als einen schnellen Trainingslauf zu sehen - deshalb war ich hier und so zog ich es durch. Im Ziel kam ich letztendlich immer noch dreckverschmiert mit einer Zeit von 2:56:18 Stunden an. Ich wurde tatsächlich doch noch in der Ergebnisliste geführt: die Zeit bedeutete den 27. Gesamtplatz von 239 Teilnehmern und ich war 6. in meiner Altersklasse. Es geht also doch noch!

14. September 2013

Epische Reise um den weissen König der Alpen

Es hat etwas gedauert, bis ich etwas zu meinem grossen Abenteuer Ultratrail du Mont Blanc (UTMB) schreiben konnte. Zu überwältigend und gleichzeitig tiefgreifend waren die Eindrücke, die ich aus diesem Rennen mitnehmen durfte. Es erscheint mir auch jetzt noch sehr schwierig dieses Rennen in Worte zu fassen, das kann ich kaum irgendjemand aussenstehendem in Worten vermitteln. Ich kann mir auch selbst noch nicht ganz erklären, wie man so etwas schaffen kann – immer noch erscheint mir vieles an dem Rennen so unvorstellbar und es fällt mir schwer zu beschreiben, was mir geholfen hat diese überwältigende Aufgabe zu meistern. Ich werde es nach vielen Rückfragen trotzdem versuchen ein paar meiner Eindrücke und Erinnerungen rund um dieses Rennen zu schildern.

Der Ultratrail du Mont Blanc über inzwischen 168 Kilometer und über 9600 Höhenmeter einmal rund um den König der Alpen hat sich in der Zeit seines Bestehens zu dem Zentrum des europäischen – vielleicht sogar weltweiten – Ultratraillaufs entwickelt. Für die Teilnahme am UTMB muss man sich erst bei anderen Ultratrailläufen qualifizieren. Wenn es dann immer noch zu viele Bewerber gibt, folgt nochmal ein Losverfahren. Am letzten August-Wochenende treffen sich dann in Chamonix all die 2300 erfahrenen Ultratrailer, die es durch dieses Anmeldeverfahren geschafft haben zusammen mit der Crème de la Crème der Profiläufer, um sich auf die epische Reise um diesen mystischen Berg zu begeben. Für mich war es schon ein Erfolg es überhaupt bis hierhin geschafft zu haben. Schon früh, als ich von diesem Lauf gehört hatte, war mir klar, dass ich hier eines Tages ebenfalls laufen wollte. Doch in den Qualifikationsrennen musste ich zuerst viel Lehrgeld zahlen, hatte mentale Tiefs zu durchstehen, so manche körperliche Schwäche oder Verletzung zu überstehen, was meinen Respekt vor diesem Lauf umso grösser machte. In den Wochen vor dem Rennen erntete ich unter Freunden und Bekannten meist nur ein ungläubiges Kopfschütteln, wenn ich von diesem Lauf erzählte. Doch wer konnte es ihnen verhehlen – ein bisschen erschien es mir ja selbst auch verrückt. Ich hatte mich aber gut auf das Rennen vorbereitet, war überzeugt davon, es trotz all der verbleibenden Unsicherheitsfaktoren schaffen zu können und war nun hier in Chamonix. Chamonix wurde seinem Ruf als die Hauptstadt der Trailläufer in dieser Woche definitiv gerecht. Nicht nur, dass es in der Stadt zahlreiche Outdoor-Läden aller bekannten Marken gibt, extra für die Rennwoche gab es zusätzlich noch eine grosse Messe mit zahlreichen schönen Dingen, die eines Trailläufers Herz höher schlagen lassen sowie einen weiteren Ausstellungsbereich, auf dem sich andere interessante Läufe präsentieren konnten. Für die Registrierung und Abholung der Unterlagen musste ich eine gefühlte Ewigkeit Schlange stehen, doch irgendwann war auch das erledigt. Am Abend dann die Ausrüstung vorbereitet, nochmal die Pflichtausstattung gecheckt und dann früh ab ins Bett. Die folgende Nacht war wichtig – musste ich doch wahrscheinlich von ihr die nächsten beiden Tage zehren. Ich schlief gut und lang, wachte jedoch mit einem leichten Kopfweh auf, das leider bis zum Rennstart nicht mehr ganz verschwinden sollte. Nach einem guten Frühstück, schlenderte ich nochmal über die Messe, gönnte mir ein gutes Mittagessen und versuchte dann ein Mittagsschläfchen, was mir leider nicht gelang. Sei’s drum. Noch ein letztes Mal die Ausrüstung geprüft, Wasser aufgefüllt und dann ab zum Start.
Startaufstellung in Chamonix
Als ich um kurz nach 3 Uhr eintraf war der Place du Triangle de l´ Amitié im Zentrum von Chamonix schon gut gefüllt. Ich setzte mich in der Mittagshitze in den Schatten der Kirche, beobachtete das bunte Treiben und genoss es einfach hier zu sein. Je näher wir dem Start kamen, umso euphorischer wurde es: die Sprecher feierten hier mit Athleten und Zuschauern eine grosse Ultratrail-Party. Ich bin nun schon bei zahlreichen Veranstaltungen am Start gestanden, aber ich kann mich nicht erinnern so eine überschwengliche Stimmung wie hier jemals vor einem Rennen erlebt zu haben. Zu der dramatischen Musik von Vangelis erfolgte dann der Start. Vorne wurde losgesprintet, bei mir im Mittelfeld war bis wir das Ortszentrum verlassen hatten mehr ein strammes Marschieren angesagt - mehr Platz war in den schmalen Strassen leider nicht. Aber hier würde sich das Rennen sicher nicht entscheiden, so übte ich mich in Geduld und arbeitete mich hinter dem Ort so gut es ging auf dem Weg nach Les Houches etwas im Feld nach vorne. Dann ging es hinauf zum erten Pass, dem Col de Voza – eine schweisstreibende Angelegenheit aber harmlos im Vergleich zu dem, was noch kommen sollte.
Aufstieg zum Col de Voza
Kaum oben angekommen ging es auf einer mitunter recht steilen Skipiste hinunter nach Saint-Gervais. Na toll .. schon beim Lauf an der Zugsptze musste ich mich über Skipisten quälen – hatte ich schon mal erwähnt wie ich es hasse auf langweiligen, öden Skipisten zu laufen? Es sollte zum Glück die einzige Piste bleiben. Ich lief vorsichtig. Eine Verletzung am ersten Berg wollte ich nicht riskieren und der Weg war ja noch weit. Die Menschen im Ort empfingen uns mit lautem Beifall. Der erste Halbmarathon war geschafft und es würde bald Abend werden, so gönnte ich mir als Abendessen eine Nudelsuppe. Nach ersten Versuchen mit einem Löffel entschloss ich mich für die schnellere Variante, stürzte die Suppe hinunter und lief dann schnell weiter. Es ging erstmal moderat bergauf, dafür wurde es endlich trailiger als am ersten Berg. Als ich Les Contamines erreicht hatte, war dann schon die Nacht hereingebrochen. Ich holte im Zelt meine Stirnlampe heraus und zog mir gegen die zunehmende Kälte meine Jacke an. Um uns herum stieg währenddessen eine grosse UTMB-Party. Unter dem frenetischem Beifall der feiernden Franzosen verliessen wir den Ort wieder. Bis Notre Dame de la Gorge ging es moderat weiter. Im Val Montjoie liefen wir dann durch das enge Spalier der Zuschauer in den langen Anstieg zum Croix de Bonhomme. Aufgrund der Steigungsprozente war ich ganz glücklich, dass ich meine Stöcke schon vom Rucksack geholt hatte und konnte mit ihnen meine Beine etwas entlasten. Was unten mit steilen Felsplatten begann, wurde weiter oben zu einem richtigen Felsentrail. Hier sah man wie sich die Lichterkette der Läufer auf dem dunklen Schatten des Berges nach oben wand - ein toller Anblick. Umso höher wir kamen, umso windiger und kalt wurde es aber auch. Sicherheitshalber wurden vor dem Pass nochmal alle Läufer kontrolliert, dass sie auch ihre Jacken anhatten. Am Pass war auf einer Höhe von über 2500 Metern der erste Marathon geschafft. Ab hier ging es dann hinab ins Vallée des Glaciers zum nächsten Checkpoint Les Chapieux. Kurz nachdem ich mit dem Downhill begonnen hatte, knickte ich einmal um. Zum Glück war nichts passiert, doch kurz darauf dann ein zweites Umknicken. Ab hier schmerzte jedes weitere Auftreten. Mit den Schmerzen wurde ich unsicher und drosselte zwangsläufig mein Tempo. Fortan wurde ich vom zahlreichen Läufern überholt. Zwar ärgerte ich mich ziemlich sie einfach so passieren lassen zu müssen, aber alles andere wäre jetzt falsch gewesen – das Rennen war noch so lang und ich wollte nicht schon hier alles riskieren! Erst als wir kurz vor dem Checkpoint wieder auf so etwas wie einer Forststrasse unterwegs waren, konnte ich wieder vorsichtig traben. Am Checkpoint angekommen wurde nochmal die Pflichtausrüstung der Teilnehmer kontrolliert - Sicherheit wurde hier wirklich gross geschrieben. Hinter dem Checkpoint ging es das eigentlich wunderschöne Tal gen Col de la Segne hinauf – nur leider war es jetzt stockfinster, nicht mal der Mond war zu sehen! In meinen Gedanken erinnerte ich mich daran wie das Tal einen Monat zuvor auf meiner Mountainbiketour hier aussah. Der Untergrund der Strasse war im Moment für meinen angeschlagenen Fuss genau richtig, doch ich wusste, dass es bald am nächsten Berg schwieriger werden würde. Von der Strasse windet sich nach einiger Zeit dann ein technischer Singletrail hinauf zum Col de la Seigne. Von dem ausgesetzten Weg bot sich uns ab und zu ein Blick zurück ins Tal. Wie kleine Glühwürmchen konnte man dort am Talboden die Athleten sich langsam dem Berg entgegen arbeiten sehen. Ansonsten war von der Landschaft immer noch nicht viel zu erkennen- der Mond sollte sich erst später zeigen. Der Weg zog sich länger hinauf als ich ihn in Erinnerung hatte. An mehreren Stellen mussten wir kleinere Bäche überqueren. Während andere vorsichtig versuchten trockenen Fusses den Weg hinüber zu finden, machte ich mir wegen eines nassen Fusses keine Gedanken, denn es würden noch viele Bäche folgen und früher oder später würde jeder mal nass werden. Auf dem Pass angelangt, hielt ich kurz inne und erinnerte mich an die Aussicht hier auf der MTB-Tour vor einem Monat. Dann ging es auf einem technischen Downhill 500 Höhenmeter hinab zum Lac Combal. Der Weg war anders als ich ihn in Erinnerung hatte, offenbar hatten wir heute einen anderen Weg genommen. Nach einiger Zeit bergab spukte uns der Trail auf der Schotterstrasse am Talboden heraus. Ich war froh wieder mal flacheren Boden unter den Füssen zu haben, da wendete sich unsere Strecke plötzlich wieder in den Berg. Diesen Weg hatte ich so gar nicht auf dem Plan und aus meiner Erinnerung vollkommen verdrängt: weder war er mir damals bei der MTB-Tour aufgefallen, noch hatte ich ihn nach meinem Studium der Laufstrecke so bald nach dem Downhill erwartet. Zuerst hoffte ich, dass dies nur einer dieser kleinen Anstiege war, die nachher im Gesamtprofil kaum zur Geltung kamen und der bald zuende sein würde. Doch schnell sah ich hinter der nächsten Biegung wieder an der langen Lichterkette der Läufer, dass der Berg sich noch länger ziehen würde. Dann war das also schon der Aufstieg zum Arête Mont Favre und dem Col de Chécrouit – zumindest der letzte Anstieg vor dem Zwischenziel Courmayeur. Nochmal ein ziemlicher Brocken, aber in Courmayeur wartete auch Wechselkleidung auf mich, was mir ganz recht war, denn auf den letzten Kilometern hatte ich mich mit der Hose etwas wund gelaufen und ich war mir sicher, dass die neue Hose besser passen würde. Auch war ich ganz froh die Schuhe wechseln zu können, hatte ich nach inzwischen rund 70 Kilometern doch das Gefühl, dass diese hier doch schon ziemlich durchgelaufen waren. So verdrängte ich den Berg etwas und beschäftigte mich mehr mit Gedanken an die weitere Strategie und Organisation des Laufs.
Morgengrauen
Langsam graute der Morgen. Ich war froh, bald wieder ohne Lampe laufen und etwas mehr von der atemberaubenden Landschaft sehen zu können. Von Müdigkeit war bei mir noch keine Spur und mit dem Tageslicht wurde auch meine Trittsicherheit wieder besser. Der umgeknickte Fuss hielt und schwoll nicht an - alles gute Zeichen. Vom Gipfel ging es über 1250 Höhenmeter hinunter in den italienischen Skiort. Besonders ein enger, heftig steiler Wurzeltrail kurz vor dem Ort forderte nochmal meine komplette Aufmerksamkeit, doch auch da kam ich gut durch. In Courmayeur brauchte es in dem Trubel etwas, bis ich meinen Sack mit den Wechselsachen bekam.
Morgenstimmung über Courmayeur
Ich war froh dieses Zwischenziel in der vorgegebenen Zeit erreicht zu haben. Zwar hatte ich nach meinem Umknicken einiges von meinem Zeitpuffer, den ich mir zu Beginn erarbeitet hatte, wieder verloren. Aber ich war immer noch auf der sicheren Seite und musste nicht wegen der nächsten Zeitlimits in Panik verfallen. In der Halle zog ich mich erst mal um, ass in Ruhe und checke auf meinem Handy die Nachrichten, die ich unterwegs bekommen hatte. Die Anteilnahme am Rennen von zuhause aus und die aufbauenden Kommentare waren phänomenal! Ich fühlte zwar eine gewisse Erschöpfung, aber mit dem neu angebrochenen Tag und der Unterstützung, die ich virtuell bekam, spürte ich neue Energie für die zweite Hälfte dieser epischen Reise. Leider wartete jetzt erstmal der steile Anstieg über 800 Höhenmeter zum Refuge Bertone. Dieser saugte stark an den neu gewonnen Lebensgeistern. Ich versuchte so gut es ging die einzigartige Landschaft zu geniessen und mich damit abzulenken.
Nahe dem Refuge Bertone
Das gelang mir aber erst nach dem Refuge wieder besser, als der Anstieg geschafft war und es in Wellen gen Grand Col Ferret ging. Vor und neben uns boten sich immer wieder tolle Ausblicke auf die majestätischen Felsen und Gletscher des südlichen Mont Blanc Massivs. Auch dieses eindrucksvolle Tal war mir von der MTB-Tour noch gut in Erinnerung. Irgendwo am Ende musste das Rifugio Elena sein, in dem wir vor Überquerung des Passes eine Nacht geblieben waren. Hinter jeder Kurve suchte ich das Haus in der Ferne, doch ich sollte noch lange warten müssen bis ich es endlich sehen sollte. Denn zuvor ging es nochmal hinunter zum Talboden nach Arnuva.
Auf dem Weg nach Arnuva
Dort wurden wir angehalten nochmal ausreichend Flüssigkeit mitzunehmen, da jetzt ein zeitlich langer Abschnitt ohne Verpflegung folgen sollte. Ich füllte wie mir empfohlen wurde sowohl die Trinkblase im Rucksack wie auch meine separate Flasche auf, obwohl ich unsicher war, ob das nicht etwas übertrieben viel unnötiges Gewicht war. Dann machte ich mich auf den Grand Col Ferret zu erklimmen – wie man aus unzähligen Geschichten weiss ist das eine der Schlüsselstellen dieses Rennens. Schneller als ich mich versah war ich mitten drin in diesem erbarmungslosen Anstieg. Meine Streckenkenntnis half mir hier nur noch wenig und meine Energie schien schnell zu schwinden.
Blick in das französische Ferret-Tal
Ich hatte Schwierigkeiten einzuschätzen, wo wir genau waren und wie weit es noch war. Auf den Höhenmesser wollte ich aber nicht schauen, hätte doch die Anzahl der verbleibenden Höhenmeter mir nur einen weiteren mentalen Tiefschlag verpasst. In meinem Gedanken redete ich nun viel mit mir, versuchte mich mental wieder aufzurichten und dabei Stück für Stück dem Pass näher zu kommen. Solange ich gehen und einen Fuss vor den anderen setzen könnte, würde ich heute nicht stehenbleiben. Solange es noch einen Funken Hoffnung gab das Ziel zu erreichen, würde ich weitermachen. Das faire an Bergen ist, dass jeder noch so gemeine Anstieg mal ein Ende hat. So durchbrach ich oben nach langen Strapazen ein weiteres Mal die 2500-Meter-Grenze, bevor es abermals gen Tal ging. Fast gleichzeitig hatte ich hier auch die 100-Kilometer-Marke geknackt. Jetzt waren es auch nur noch 3 1/2 Berge, die es zwar in sich haben sollten, trotzdem klang diese Zahl in meinem aktuellen Zustand läppisch und auch erschreckend zugleich. Ich genoss, dass es endlich wieder bergab ging. Doch die Kilometer vergingen nur sehr zäh. Die Abstände zwischen den Checkpoints kamen einem nach der langen Renndauer mitunter wie eine gefühlte Ewigkeit vor. Kurz vor der kleinen Ortschaft La Fouly wechselten wir wieder auf eine Asphaltstrasse. Sofort wurde ich wieder schneller – mir sind solche Strassen zwischendurch immer recht gelegen und nicht selten kommen gerade dort dann wieder meine Lebensgeister zurück. Den folgenden recht verblockten und teilweise ausgesetzten Trail entlang der Drance hatte ich leichter in Erinnerung, als er mir nun vorkam. Trotzdem konnte ich mich an viele Stellen noch gut erinnern. Den Blick in die Landschaft sparte ich mir deshalb und konzentrierte mich darauf auf dem Weg nicht zu stürzen. Kurz hinter Praz de Fort ging es dann wieder hinauf nach Champex-Lac. Auf Schildern war der Ort recht früh angeschrieben, doch es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis wir endlich auf verwinkelnten und verwurzelten Wegen durch den Wald unser nächstes Zwischenziel erreichten und die Verpflegung auffüllen konnten. Inzwischen dämmerte es. Was viel schlimmer war, war dass ich auch erstmals so etwas wie Müdigkeit empfand. Dass mir jetzt wahrscheinlich noch eine komplette Nacht bevor stand, machte es mental nicht gerade einfacher. Doch hatte ja auch keiner gesagt, dass dieses Rennen einfach werden würde. Im Laufe der letzten Stunden hatte ich gehofft, dass ich zumindest noch den berühmtberüchtigten Anstieg zum Bovine vor der Nacht schaffen würde – hart, steil und unwegsam sollte er sein. Nun war klar, dass ich es nicht mehr im Hellen schaffen würde, doch immerhin: Puffer nach hinten hatte ich immer noch genügend. Schon beim Verlassen des Ortes musste ich meine Stirnlampe wieder anschalten. Zuerst ging es auf breiten Forstwegen durch den Wald. Es bildeten sich kleine Gruppen an Läufern. Zwar wurde unter den Athleten kaum miteinander geredet, doch irgendwie wollte auch keiner zu diesem Zeitpunkt alleine unterwegs sein. So zog sich der Weg einige Zeit unspektakulär dahin, bis der Aufstieg begann. Er machte seinem Ruf wahrlich alle Ehre: was für ein Brecher! Zwar war unsere Route durchaus als Weg erkennbar, bei dem Untergrund und der Steigung konnte ich mir aber nur schwer Wanderer vorstellen, die hier tagsüber zum Gipfel wanderten. Noch viel mehr machte mir mit zunehmender Zeit mein Rücken zu schaffen, der mir seit dem Grand Col Ferret immer mehr schmerzte. Ich versuchte meine Hände unter dem Rucksack zu verschränken, ihn dabei etwas anzuheben und so meine Rückenmuskulatur zu entlasten. Dies brachte aber meist nur kurz Linderung, zumal ich meine Arme auch zur Balance und zum Abstützen in unwegsamen Geröllpassagen oder bei Bachüberquerungen brauchte. Hie und da hielt ich kurz inne und versuchte in diesen kurzen Pausen am Wegesrand meinen Rucksack auf Steinen oder Stämmen abzustellen. Doch lange dauerte die Pause nie, denn es war windig und in dieser Höhe entsprechend kühl - ich wollte nicht auskühlen. So hielt ich mich auch oben am Checkpoint nicht lange auf und setzte zügig meinen Weg bergab fort, um wieder in wärmere, tiefere Regionen zu kommen. Ich lief inzwischen mit all der Müdigkeit und den Schmerzen immer mehr in einer Art Trance. Über den Col de Forclaz  kamen wir nach einem langen Abstieg wieder in bewohntes Gebiet. Dort gab es kurz eine leichte Unsicherheit in unserer Gruppe, da wir längere Zeit keine Wegmarkierung mehr wahrgenommen hatten. Doch wir waren noch richtig und nach kurzer Zeit zweigte dann ein steiler Trail ab, der uns Minuten später in Trient wieder ausspuckte. Mit der Verpflegung an diesem Posten konnte ich wenig anfangen –von dem isotonischen Getränk, dass ich bisher zum grossen Teil getrunken hatte, wurde mir inzwischen übel und anstatt so leckeren Kaffee wie noch drüben in Italien, gab es hier eine Instantmischung. So verweilte ich nicht lange, füllte die Vorräte lediglich mit dem Nötigsten auf und verliess das Zelt nach einer kurzen Pause wieder. Am Ausgang hatten sie einen Tisch aufgebaut, an dem sich Aussteiger aus dem Rennen abmelden konnten – für mich keine Option - ich wollte trotz all der Strapazen weiter. Vor der Zeitnahme am Ortsausgang kam ich an einem Massageraum vorbei. Ich nutze die Chance und fragte, ob man mir kurz mit meinem Rücken helfen könne. Ich hatte Glück und bekam umgehend eine angenehme Massage meines oberen Rücken- und Nackenbereichs. Nach 5 Minuten ging es wieder hinaus in die Kälte – 2 Berge noch – das schaffe ich jetzt! Die Euphorie dauerte nicht lange. Wenige Meter hinter dem Massageraum stürzte ich ein paar Stufen hinab und knallte mit einem lauten Schlag an etwas wie ein Garagentor. Sofort von oben erschreckte Blicke und Rückfragen der anwesenden Zuschauer. Ich rappelte mich auf, gab kurz zu verstehen, dass nichts Schlimmes passiert war und lief schnell weiter. Der folgende Anstieg hatte wieder auf 5 Kilometer über 800 Höhenmeter. Vom Untergrund her war der Weg nun etwas besser als am Bovine, doch die Steigung erschien mir nochmal heftiger. Zumindest meinem Rücken ging es nach der Massage wieder etwas besser. Ich hatte meine Trinkblase auch nicht mehr aufgefüllt, so Gewicht am Rücken zu sparen und versuchte jetzt alleine mit der Flasche auszukommen, was sich als vollkommen ausreichend herausstellen sollte. Auf dem Weg hinauf traf man immer wieder auf Athleten, die am Wegesrand ruhten – mitunter auch zu schlafen schienen. Ich versuchte den Anstieg zu schnell wie möglich hinter mich zu bekommen - mir war es zu kalt, um hier zu rasten und ich wusste nicht wie lange ich noch gegen meine tiefe Müdigkeit ankämpfen konnte. Oben angekommen liefen wir eine Zeit lang über Weiden. Im Dunkeln konnte man das Weidevieh hören. Schliesslich ging es dann die mühsam erkämpften 800 Höhenmeter wieder hinunter ins Tal nach Vallorcine.
Morgendunst in Vallorcine
Noch ein letzter Berg wartete auf mich. Noch einmal knapp 900 Höhenmeter – tatsächlich die letzten Höhenmeter. Noch einmal Trails rauf und wieder runter. Ich wollte keinen Meter mehr einen Hügel oder sogar einen Berg hinauf, ich konnte keine dieser Knochenbrechertrails mehr ertragen und wünschte mir nur noch vernünftige Wege. Doch ich war hierher gekommen, um genau das zu erleben und diese Herausforderung zu meistern. Also jetzt kein lamentieren mehr und nur schnell weiter. Langsam dämmerte der Morgen. Mit zunehmender Helligkeit kamen bei mir die Lebensgeister wieder zurück und ich wurde auch wieder sicherer – aus dem Zombie wurde langsam wieder ein Mensch. Der Aufstieg auf den Tete aux Vents unterschied sich grundlegend zu den letzten Anstiegen. Im Gegensatz zu den Geröll- und Waldwegen vorher mussten wir nun über grössere Felsblöcke steigen und unseren Weg finden. Ab und zu gab es sogar mal so etwas wie Stufen - richtiger Luxus!
Aufstieg zum Tete aux Vents
Manch einer sah zu anderen Zeiten oben auf dem Plateau Steinböcke herumspringen. Wir nahmen hier keine wahr - ich konzentrierte mich sowieso auf den Weg und wollte auf den mitunter recht glatten Steinen nicht abrutschen und stürzen. Immer wieder gab es kleine Kletterpassagen, die vollste Aufmerksamkeit forderten. Irgendwann sah ich ein grosses gelbes Zelt – war das schon der letzte Checkpunkt vor Chamonix? Ein kurzer Hoffnungsschimmer, doch der Weg über das Felsenmeer ging noch weiter und zog sich. Unter uns im Tal knatterte einmal mehr der Helikopter vorbei. Dann kamen wir endlich nach unzählichen Kilometern im Felsenmeer an den Checkpoint. Ungefähr die Grösse eines der Felsbrocken um mich herum fiel mir hier vom Herzen, denn ab hier sollte es nur noch runter gehen. Ich setzte mich kurz, füllte nochmal meine Flasche auf. Eine Athletin fragte nach dem Weg hinunter. Laut Auskunft einer Helferin sollte Weg hinab noch über eine Stunde dauern. Das würde bedeuten, dass ich über 43 Stunden benötigen würde. Ich überlegte nach was für einer Massgabe sie diese Zahl nannte: eine Stunde für einen Wanderer, für einen schnellen Läufer oder war das ihre Zeit hier hinauf? Plötzlich war mein Ehrgeiz wieder da: mal sehen was jetzt noch geht - das lässt sich vielleicht unterbieten! Ich stürmte hinaus aus dem Zelt in den Abstieg. Zuerst liefen wir auf einer Schotterstrasse. Ich hatte Schwierigkeiten meine Beine noch vernünftig zu bewegen und hier runterzulaufen. Doch den anderen ging es offensichtlich ähnlich. Mein Ziel war sich jetzt sukzessive nach vorne zu arbeiten und damit vielleicht nochmal Zeit gut zu machen. Irgendwann zweigte unsere Route dann in einen Wurzeltrail ab. Ein kurzer Schock, denn ich wollte keine Trails mehr. Ich lief vorsichtig weiter und versuchte nicht zu stürzen. Der Wurzeltrail wollte nicht enden, doch umso länger ich dort lief, umso flüssiger wurde es bei mir und ich überholte wieder andere Athleten, die mich weiter oben erst hinter sich gelassen hatten. Uns kamen hier auch immer mehr Wanderer entgegen. Alle gingen zeitig zur Seite, klatschten und feuerten uns an. Es gab fast keine Stelle, an der man nicht unter Beobachtung stand und angefeuert wurde. Ich wurde immer schneller und sammelte einen nach dem anderen ein. Selbst ein kleiner Bach, über den sich ein Athlet vor mir mühsam wand, stellte für mich keinen grossen Grund mehr dar langsamer zu werden. Unglaublich, was hier mit mir gerade los war! Manch einer versuchte zeitweise dranzubleiben, doch die Begleiter waren immer nur temporär und blieben bald hinter mir zurück. Dann die ersten Häuser. Ich bemerkte wie mir irgendwer folgte und so kurz vor dem Ziel wohl noch überholen wollte. Ich dreht mich nicht um, sondern nutze das als Ansporn weiter zu beschleunigen. Man hörte schon den Sprecher. Inzwischen war ich gefühlt schon mit 10-km-Volkslauf-Pace unterwegs. Ich musste schon nahe dem Stadtzentrum gewesen sein als ich auf einen Spanier auflief, mit dem ich vorher schon kurze Zeit mal gelaufen war. Ihn wollte ich nicht mehr überholen und mit ihm reinlaufen. Doch er nahm sich Zeit und genoss die Atmosphäre. So gratulierten wir uns und ich lief wieder alleine weiter. Umso näher ich dem Stadtzentrum kam umso voller wurde es hinter den Absperrungen. Innerlich liefen in mir Teile des Rennens nochmal im Zeitraffer ab – mir kam es vor, als ob das nicht ein Rennen sondern mehrere gewesen sein mussten, so lange schien mir schon manches her zu sein. Ich holte immer mehr Athleten ein und wir beglückwünschten uns jedes Mal gegenseitig – in den Augen war die Erleichterung und Freude über das Finish jedes Mal zu sehen. An den Banden durfte ich unzählige Hände abklatschen – nicht nur von Kindern, auch von vielen Erwachsenen. Phänomenal was hier nach so langer Renndauer noch für eine Stimmung herrschte und wie auch Läufer weiter hinten noch angefeuert wurden! Dann bog ich ein auf die Zielgerade – sah die Kirche vor mir, vor der wir vor über 43 Stunden gestartet waren. Unter dem Zielbogen fiel es mir schwer meine Emotionen noch zu verbergen. Vermutlich kannten sie das hier im Ziel, denn sehr sensibel liess das Empfangskomitee mir Zeit mich wieder zu sammeln. Dann wurde ich beglückwünscht und bekam ich DIE berühmte Weste ausgehändigt – ich hatte es geschafft, den berühmten Ultratrail du Mont Blanc ins Ziel gefinisht und empfing die rote Finisherweste – U N G L A U B L I C H !!!

Soweit meine Zusammenfassung zu diesem unvergesslichen Lauf. Ich habe während des langen Laufes wirklich viel erlebt – viel gesehen und erlebt: viel Schönes, aber auch viel Leid. Nicht alles lässt sich beschreiben, will ich auch gar nicht. Manches werde ich vergessen, anderes wird behalten und die Erfahrung ein Teil von mir werden. Zwei Fragen habe ich seither immer wieder gestellt bekommen: war es all das wert und würde ich den Lauf nach all den Erfahrungen nochmal machen? Der Lauf war es definitiv wert erlebt zu werden und ich will die Erfahrungen nicht missen. Werde ich ihn nochmal laufen? So toll der Lauf war, so extrem fand ich ihn auch. Auch wenn ich aufgrund des Umknickens nicht so laufen konnte wie ich es eigentlich konnte und wollte, habe ich mein Ziel erreicht und bin zufrieden. Aktuell kann ich mir deshalb nicht vorstellen den Lauf noch ein weiteres Mal zu laufen, aber wer weiss .. – aber eher vielleicht eine der anderen angebotenen (kürzeren) Strecken mal, denn da sind auch ein paar Sahnestückchen dabei. Hier noch ein paar Zahlen des Veranstalters für die Statistiker: 2469 Teilnehmer sind gestartet, davon waren 223 Frauen. 1686 haben das Ziel erreicht, d.h. knapp 32% mussten vorzeitig abbrechen.

3. September 2013

Ein paar bewegte Bilder ohne viel Worte

Es fällt mir schwer den Lauf am vergangenen Wochenende in Worte zu fassen. Im Moment kommt es mir so vor, als ob nichts das wirklich beschreiben kann, was wir Athleten da erlebt haben. Deshalb lasse ich für's Erste nur mal Bilder sprechen, die man offenbar aus den ersten Teilabschnitten und dem Zieleinlauf der Sieger schnell zusammengeschnitten hat.

(Video LIVE - THE NORTH FACE® ULTRA-TRAIL DU MONT-BLANC® von UltraTrailMontBlanc)

Danken will ich auf jeden Fall schon mal allen, die mir die Daumen gedrückt haben und mich auf die ein oder andere Weise unterstützt haben - es ist toll solche Freunde zu haben!!!

25. August 2013

Zwei Marathons in acht Tagen

Ungewöhnliche Ziele erfordern manchmal ungewöhnliche Trainingsmethoden. 

Auf dem Rodalbener Felsentrail
Nach der Zugspitz Ultratrail im Juni ist es bei mir läuferisch gefühlt gar nicht mehr rund gelaufen: ungewöhnlich anstrengend war es auf Berge zu laufen und in den Trails gab es den ein oder anderen üblen Sturz. Folglich nahm ich mich komplett aus dem Renngeschehen raus und bürdete mir kein weiteres anstrengendes Rennen mehr auf - Erholung und lockeres Training war angesagt. Anfang August setzte ich dann nochmal ein paar Kerneinheiten, wobei ich mehr auf Intensität und weniger auf lange extensive Einheiten Wert legte. So ganz ohne lange Läufe geht es dann als Ultraläufer aber auch nicht - zumindest für den Kopf war das wichtig. So begab es sich, dass ich recht spontan an den letzten beiden Sonntagen innerhalb von 8 Tagen 2 mal über Marathonsdistanz und mehr lief. Sonntag vor 8 Tagen lief ich beim Pfälzer Felsentrail mit: einem privat organisierten Freundschaftslauf ohne Wettkampfcharakter. So trafen sich 50 mehr oder minder miteinander bekannte Läufer Sonntag morgens in Rodalben, um eine grosse Runde auf dem Felsentrail - einem zertifizierten Wanderweg rund um den kleinen Ferienort im Pfälzer Wald. Bei all denen, die durchliefen, kamen an diesem Tag um die 45 Kilometer zusammen, doch manch einer lief auch kürzer - der Weg zurück zum Treffpunkt war von allen Teilen der Strecke ja nicht allzuweit entfernt; ich lief natürlich durch. Gelaufen wurde in der Gruppe. An markanten Punkten wurde von den schnelleren auf die langsameren Läufer gewartet, ab und zu gab es auch einen Fotostopp. So konnte jeder ohne Druck sein eigenes Tempo laufen. Für mich war es wichtig die Distanz ohne grosse Schwächephase zu schaffen und dabei möglichst keinen Sturz zu haben - beides gelang mir. Ein paar Stolperer waren zwar dabei, aber zum Sturz kam es zum Glück diesmal nicht. Die Wege waren alle gut zu laufen: meist "Flowtrails" würde ein Mountainbiker sagen. Mir hat der Lauf einen riesen Spass gemacht und er war nach der langen "Durchhängerphase" ein erster Lichtblick am Horizont, dass ich nicht alles falsch gemacht hatte.

Eine Woche später stand ich dann in Sonthofen am Start des Allgäu Panorama Marathon.
Allgäu-Panorama von der Hörner-Gruppe
Die Ultratrail-Distanz hatte ich mir verkniffen, da die nach meiner Erfahrung zu viel Energie gekostet hätte. Der Marathon verläuft im ersten Teil aber auf gleicher Strecke und ist in der zweiten Hälfte nicht nur kürzer sindern auch einfacher. Für mich sollte das nochmal ein Test im Wettkampftempo in alpinem Terrain ohne grosse Pausen werden. Im ersten Abschnitt hielt ich mich zurück, lief sicher und kontrolliert mein Tempo und sparte meine Kräfte für den Rückweg. Technisch schwierigere Passagen konnte ich sicher und schneller als andere bewältigen - das baute auf. Kurz nach der Halbmarathonmarke gab es einen kurzen Schreckmoment, als ich im Bein einen plötzlichen, schmerzhaften Krampf bekam; mit Krämpfen hatte ich bei Läufen noch nie Probleme. Nach kurzem Stopp ging es vorsichtig weiter. An der nächsten Verpflegung trank ich nochmal ausreichend, führte mir Mineralien zu, dann ging es zügig weiter. Umso näher ich dem Ziel kam, umso mutiger wurde ich. Ich sammelte immer mehr Läufer vor mir ein. Ich versuchte zwar hie und da einige zu motivieren mit mir mitzulaufen, doch spätestens nach der nächsten Verpflegung blieben sie hinter mir zurück und ich war wieder alleine unterwegs. Das Ziel erreichte ich dann als 60. gesamt von 355 Finishern, 10. meiner Altersklasse in einer Zeit von 4:17 Stunden. Das Ergebnis war mir vor dem Rennen eigentlich relativ egal, doch das unerwartet gute Abscheiden freut mich nun doch.

Beides scheint auch hervorragend in meine Vorbereitung gepasst zu haben. Ich verspüre auch eine Woche danach keine Müdigkeit und bin immer noch spritzig unterwegs. Das lässt hoffen für das grosse Ziel .. .